Zeitung Heute : Barrierefreiheit zwischen Ärzten und Kranken

Der „Deutsche Qualitätspreis Gesundheit“ 2013 von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin geht in diesem Jahr an die ehemalige Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt für ihren langjährigen Einsatz für mehr Patienteninformation.

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Ulla Schmidt hat sich acht Jahre lang als Bundesgesundheitsministerin so manchen Kampf mit Funktionären im Gesundheitswesen geliefert. Das hat ihr nicht nur Freunde gemacht. Doch für die Patienten gibt es nun viel mehr Möglichkeiten, die Qualität ihrer Ärzte, Medikamente oder Krankenhäuser zu beurteilen. Foto: Mike Wolff
Ulla Schmidt hat sich acht Jahre lang als Bundesgesundheitsministerin so manchen Kampf mit Funktionären im Gesundheitswesen...

„Transparenz“, sagt Ulla Schmidt, „ist etwas, das Funktionäre im Gesundheitswesen fürchten, wie der Teufel das Weihwasser.“ Es sind Ansichten wie diese, die der SPD-Politikerin in ihrer Zeit als Bundesgesundheitsministerin bis 2009 unter Krankenhauschefs oder Ärztefunktionären nicht nur Freunde gemacht haben, um es milde auszudrücken.

Aber dieser Satz, den sie auch heute noch wiederholt, ist von persönlicher Erfahrung geprägt. Denn in der Tat hat die heutige Vizepräsidentin des Bundestages mit ihren Vorschlägen für mehr Qualität und Transparenz in ihrer Zeit als Ministerin oft mit heftigem Widerstand kämpfen müssen, bis diese oder zumindest einige von ihnen Wirklichkeit wurden. Und sie hat diese Gegenwehr – die im Gesundheitswesen, das so stark von Lobbyinteressen aber auch von Emotionen geprägt ist, wie nur wenige andere Bereiche der Gesellschaft – lange durchgestanden. Immerhin acht Jahre, von 2001 bis 2009, war die heute 63-Jährige Bundesministerin für Gesundheit, zeitweilig auch für Soziale Sicherung.

Sie sagt heute in der Rückschau, dass ihre Ausbildung als Lehrerin für Sonderpädagogik in der Rehabilitation lernbehinderter und erziehungsschwieriger Kinder in ihrem Ministeramt durchaus geholfen habe.

Für diesen jahrelangen Kampf für mehr Qualität im deutschen Gesundheitswesen erhielt Ulla Schmidt am Donnerstagabend den Deutschen Qualitätspreis Gesundheit, den Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin zum zweiten Mal gemeinsam vergeben. „Viele haben Ulla Schmidt viel vorgeworfen, aber niemand, dass sie nichts bewegt hätte“, sagte Franz Knieps, langjähriger Abteilungsleiter im Ministerium, in seiner Laudatio.

Qualität im Gesundheitswesen, was ist das eigentlich? Vor allem ist es ein weites Feld. Da ist zum Beispiel die Patientensicherheit, also der Schutz der Kranken vor Behandlungsfehlern. Und da ist natürlich auch die Frage der Wirksamkeit von Arzneimitteln und Therapiemethoden. Da ist die Ergebnisqualität im Krankenhaus oder beim ambulanten Arzt, also etwa wenige Komplikationen und viele Erfolge bei der Heilung oder Linderung von Krankheit. Da ist aber schließlich auch die Frage nach dem Wie, also wie man Qualität in der Medizin misst und welche Daten dafür nötig sind. Und wie man mit solchen Daten umgeht, diese beispielsweise aufbereitet, damit der mündige Patient selbstbestimmt entscheiden kann, wohin er sich wegen eine ärztlichen Behandlung wendet.

Ulla Schmidt habe „Qualität, Transparenz und Patientenbeteiligung als Voraussetzungen für eine Verbesserung des Gesundheitswesens definiert“, sagte Knieps.

Da ist zum Beispiel das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen - kurz IQWiG - in Köln, das die Gesundheitsministerin gegen den heftigen Widerstand vor allem der Pharmalobby 2003 auf den Weg brachte. Knieps nannte das Institut „den größten Beitrag Ulla Schmidts zur Stärkung der Qualität im Gesundheitswesen“. Eine der Hauptaufgaben des Institutes ist es, den zusätzlichen Nutzen von neuen und deshalb meist teureren Medikamenten gegenüber bereits auf dem Markt befindlichen Präparaten zu bewerten. Die Frage dahinter: Ist der Zusatznutzen groß genug, dass die Krankenkassen die Kosten dafür übernehmen müssen? Bis dahin mussten Arzneimittel für die Zulassung zwar ihre Wirksamkeit nachweisen, nicht aber, dass sie im direkten Vergleich mit einem anderen Produkt besser sind.

Die andere Aufgabe des IQWiG ist es, medizinische Informationen laienverständlich und unabhängig von Lobbyinteressen aufzubereiten und Patienten zur Verfügung zu stellen.

Auch in einem für die medizinische Versorgung wichtigen Bereich, den Krankenhäusern, drückte Ulla Schmidt beständig auf mehr Durchblick für die Patienten. Ständig mahnte sie an, dass die gesetzlich vorgeschriebenen Krankenhaus-Qualitätsberichte endlich ihrem Namen Ehre machen und tatsächlich Daten zur Behandlungsqualität enthalten sollen. Seit 2007 müssen nun die Kliniken ihre Ergebnisse, etwa Komplikationsraten bei Operationen, Todesfälle oder die Anzahl von Infektionen dokumentieren. Unter Schmidts Ägide wurden Behandlungsprogramme für Chronisch Kranke eingeführt, neudeutsch Desease Management Programm (DMP) genannt, die die in Deutschland geltenden strengen und von vielen als hinderlich empfundenen Sektorengrenzen zwischen Klinik und ambulanter Versorgung zu überwinden suchen.

Um solche umfassenden Leitlinien für Behandlungen zu entwickeln, die den Patienten wirklich nutzen, braucht man Daten, ist Schmidt überzeugt. Und das sorge letztendlich auch dafür, dass die Bezahlbarkeit der medizinischen Versorgung erhalten bleibe. „Wir können ein gutes Gesundheitswesen finanzieren, wenn wir in Qualität investieren.“

Nicht immer gewann Ulla Schmidt. So etwa bei der elektronischen Gesundheitskarte. Die ursprüngliche Idee dahinter war, dass alle Patientenunterlagen über diese neue Versichertenkarte für die behandelnden Mediziner zugänglich sein sollte, und somit Doppeltherapien, gefährliche Arzneikombinationen oder Fehlbehandlungen aufgrund von Vorerkrankungen zu vermeiden. Unter anderem wegen eines Streits um Datenschutz, Finanzierung und der notwendigen technischen Infrastruktur in den Arztpraxen ist das Projekt bis heute nicht umgesetzt.

Es bleibt also auch für ihre Nachfolger im Amt noch einiges zu tun. Und das ist noch immer ein schwieriger Job. In den vergangenen vier Jahren – also gerade mal zur Hälfte der Amtszeit von Ulla Schmidt – sind zwei Gesundheitsminister gekommen und wieder gegangen.

„Ich wünsche mir für das deutsche Gesundheitswesen, dass es absolut barrierefrei sein möge, dass jeder Menschen, egal ob behindert oder nicht, egal ob jung oder alt, den gleichen Zugang zu guter medizinischen Versorgung hat“, sagt Schmidt. Und damit meint sie nicht nur bauliche Barrierefreiheit wie Rampen oder Fahrstühle. Sondern auch eine laienverständliche Sprache und einer offene Kommunikation. Transparenz ist also nicht ein Ding des Teufels, sondern eine Chance, Barrieren abzubauen.

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