Zeitung Heute : Bart wachsen lassen

Marius Meller

Wie ein Neuberliner die Stadt erleben kann

Der Kurpfälzerstammtisch hat beschlossen, dass seine männlichen Mitglieder sich Vollbärte wachsen lassen. Erst Ende des Monats dürfen die Bärte geschoren werden. Es wurde ein Vertrag aufgesetzt, der die Spezifikationen genau festlegt. Techno-, Hiphop-, oder schicke Kanak-Bärte erfüllen nicht den Begriff eines Vollbartes. Dem Vertragstext folgt eine lange Liste der Unterschriften von männlichen Stammtischmitgliedern.

Der Bart-Beschluss hat zwei Gründe. Erstens erfüllt er eine Trauerfunktion. Marc, der über ein Jahr Arbeitslosigkeit mit Anstand ertragen hat, wird nun als Dramaturg nach Bochum gehen. Zweitens zeigt der Kurpfälzerstammtisch durch den kollektiven Bartwuchs seine Solidarität mit den Abgeordneten der Knesset in Israel, die eine Ansprache des Bundespräsidenten auf Deutsch anhören müssen. Einen Monat lang will der Stammtisch das Thora-Gebot befolgen, das da lautet: „Du sollst den Rand deines Bartes nicht verkürzen!“ (Leviticus 19, 27a). Es hat nämlich alles seine Zeit (Prediger 3, 1), und der Stammtisch ist der Meinung, dass die Zeit für Präsidialansprachen in der Knesset auf Deutsch noch nicht gekommen sei. Ein Stammtisch-Mitglied hat die Geschichte von einer amerikanischen Bekannten erzählt, die in Bratislava aufwuchs und als 10-Jährige nach Bergen-Belsen deportiert wurde. Sie überlebte, wurde in Schweden aufgepäppelt und 1948 in die USA zu Verwandten geschickt. Sie bekommt schlimme Panikattacken, wenn sie auf der Straße Leute Deutsch sprechen hört. Wenn auch nur ein Mensch in der Knesset sitzt, der ähnlich reagiert – und das ist nicht ausgeschlossen –, dann solle der Bundespräsident doch lieber einstweilen auf Englisch oder Französisch sprechen, meint der Kurpfälzerstammtisch. Das sei keine Frage der Symbolpolitik, sondern eine der Rücksicht auf Traumatisierung.

Sharon, die beim Kurpfälzerstammtisch vorbeischaut, wenn sie aus der süddeutschen Heimat nach Berlin kommt, um ihren Vater, einen berühmten Rabbi, im Altersheim zu besuchen, findet das Bart-Projekt albern. Sie sagt, die Männer des Kurpfälzerstammtischs sollten sich lieber beschneiden lassen.

Wenn Sie keinen Vollbart wollen, dann befolgen Sie doch Leviticus 19, 27b: „Die Ecke eures Haupthaares sollt ihr nicht abrunden!“

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben