Zeitung Heute : Bau-Museum Berlin: Auferstanden aus Ruinen - Laubenganghaus und Notkirche

Nikolaus Bernau

Selbst sensibelste Architekten sind manchmal grob in der Sprache. Hans Scharoun sprach einmal von der "mechanischen Auflockerung" des kompakten Stadtraumes, den das 19. Jahrhundert in Berlin hatte entstehen lassen. Es war die zukunftsfreudige, zugleich krass verniedlichende Umschreibung für die Trümmerfelder des Bombenkrieges. Etwa 612 000 Berliner Wohnungen, die Hälfte des Bestandes, lagen 1945 zerstört vor den einrückenden Siegermächten. 75 Millionen Kubikmeter Schutt waren zu beseitigen - ein Siebtel des Gesamttrümmer Deutschlands.

Doch nicht nur Scharoun, der als vergleichsweise unbelasteter Architekt im Mai 1945 vom sowjektischen Stadtkomandanten zum Chef der Bau- und Wohungsbateilung beim neuen Magistrat ernannt worden war, sah in diesem Chaos eine Chance für den grundsätzlichen Neuanfang: Bis in die 70-Jahre hinein waren sich die meisten Stadtplaner und Architekten über den Unwert der historischen Stadt und die Notwendigkeit des Neuen einig. Scharoun konnte, wie seine Kollegen in den anderen deutschen Städten, auf Vorplanungen aufbauen: Auch im Wiederaufbaubüro von Hitlers Hofarchitekten Albert Speer wurden Bomben als Helfer für Neuesgesehen. Hier bereits wurde, vor allem mit den von Ernst Neufert aufgestellten Standardisierungsinstrumenten, der durchrationalisierte Ersatz für die zerstörten Wohnungen geplant.

Neufert war einer der wenigen Bauhäusler, der Karriere in der Nazi-Zeit und Nachkriegszeit machte, ohne sich künstlerisch zu verbiegen. Seine 1936 erstmals erschienene, bis heute auf jedem Architektentisch liegende "Bauentwurfslehre" legte den Grundstein für die normierte Baukunst der Nachkriegszeit. Im Sommer 1946 stellten Scharoun und sein "Planungskollektiv" im hergerichteten Weißen Saal des Stadtschlosses erste Konzeptionen für den Wiederaufbau vor: "Berlin plant. Erster Bericht." Dazu gehörte eine Ausstellung, deren ästethische Modernität - geschwungene helle Schautafeln verbargen die neubarocke Saaldekoration der Kaiserzeit fast völlig - mit der radikalen Absage an den alten Stadtplan einherging.

Im Neuen Museum sind derzeit die Skizzen Scharouns für dieses neue Berlin zu sehen: Farbige Strukturen, orientiert am Lauf der Spree, locker gelegt für den Autoverkehr. Die neuen Häuser sollen im Grünen stehen, ein Abbild der harmonischen, sauberen, sportlichen Volksgemeinschaft. 1949 entstanden tatsächlich einige Ansätze zu dieser neuen Stadt. Die Scharoun-Mitarbeiterin Ludmilla Herzenstein errichtete an der damaligen "Stalinallee" - getreu nach den Normen Neuferts - Laubenganghäuser, von deren nach Norden und zur Straße ausgerichtetem Loggiengang die einzelnen Wohungen erschlossen wurden. Trotz winziger Grundrisse gab es optimierte Arbeitsküchen, Bäder und Balkone nach Süden. Nach außen schloss sich die Architektur deutlich an die zwanziger Jahre an: Ein letztes Aufbäumen der Klassischen Moderne im Osten Deutschlands, bevor diese von der SED als "formalistisch" verboten wurde.

Ebenfalls in Friedrichshain steht ein anderes Relikt dieser Architektur, die aus der materiallen Not eine Tugend machte. 1948 entwickelte der Kirchenbaureformer Otto Barntning das "Notkirchenprogramm", um der moralisch zerrütteten deutschen Gesellschaft einen Anker, den Gemeinden einen Ort für Gottesdienste, Treffen und Pfarrämter zu geben. Die Kirchen galten als vergleichsweise wenig von den Nazis korrumpierte Institutionen, um die Altäre scharten sich die Menschen. In einer großen Baulücke steht noch eine dieser Notkirchen, eine andere, kleinere und einfachere in Wedding. Beide sind Typenbauten, bis zu 48 Mal wiederholt, doch überall inzwischen zerstört. Schlichte Baumaterialien, an der Tradition orientierte, diese aber mit straffen Konstruktionen und expressiven Glasfenstern neu interpretierende Formen schufen eine Architektur des Schutzes, der Gemeinsamkeit, wie sie den verzweifelten Trümmerfrauen wohl kaum noch möglich erschien.

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