Zeitung Heute : Bauchklemmen

SILVIA HALLENSLEBEN

Hausfrauen from outer space: "Radio no jikan" von Koki MitaniVON SILVIA HALLENSLEBENAuch im Radio gab es romantische Zeiten, als auch schräge Stimmen noch nicht elektronisch auf Normmaß gepegelt wurden und in den Äther ging, was zwar mit höchst kunstvoll-künstlichen Mitteln, doch im Vergleich zu heute immer noch hausbacken - und aktuell im Studio produziert wurde. Der japanische Forumsbeitrag "Radio no Jikan" zeigt solch archaische Formen des Radiomachens in der Jetztzeit und ihrer überreifen Blüte."Frauen des Schicksals" heißt der Titel eines Hörspielbuches, mit dem eine Hausfrau eine Rundfunk-Auszeichnung bekommen hat.Nun soll "Frauen des Schicksals" unter Mitwirkung zweier formidabler Radiostars ausgestrahlt werden. Doch im letzten Moment bekommt die weibliche Hauptdarstellerin, ein Star mit den üblichen Allüren, Bauchklemmen.Erstmal ist ihr der Name zu profan.Aus "Ritsujo" soll "Mary Jane" werden.Aus der Pachinkospielerin eine Anwältin.Und aus Japan die USA.Wie es so geht: Eine Änderung zieht eine weitere nach sich.Dominoeffekt nennt sich das.Hektisch wird in den Werbepausen an den Umbauten gearbeitet: Von New York dann, weil der Name besser paßt, nach Chicago.Vom Hausfrauenmelodram über den Krimi in den Outer Space.Und als dann irgendwo Wasser her muß, wird selbst der Hausmeister zur akkustischen Untermalung eines Dammbruchs eingesetzt.Die Autorin, eine brave Hausfrau, ist samt Ehemann auch auf dem Set, und spätestens, als es um die fällige Frage nach dem Ende geht, wird ihr die Sache zur Herzensangelegenheit.Doch der Sinn der Sache, die Inhalte, sind mittlerweile längst auf der Strecke geblieben. Oft, in ihren besten Momenten, lebt die Komödie vom Konflikt und letztendlichem Triumph des Augenblicks über das Vorsehherbare, sei das nun Gesetz, Schicksal oder einfach nur ausgeklügelte Planung.Wer schon einmal im "Team" unter Zeitdruck etwas zusammengebastelt hat, wird sich hier wiedererkennen.Ist das Leben nicht überall genauso, möchte man sagen.In stilistischer Hinsicht ist das eine Falle: Regisseur Koki Mitani hat ausdrücklich versucht, alle japanischen Filmtraditionen weit westlich zu überholen und, bis zur Auswahl der Schauspieler, einen möglichst amerikanischen Film zu machen. Heute 21.45 Uhr (Delphi), morgen 12.30 Uhr (Arsenal), Dienstag 22.15 Uhr (Akademie), Donnerstag 19 Uhr (Babylon).

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