Zeitung Heute : Bauen und Modernisieren: Total digital

Jörn Pestlin

Vor 25 Jahren berichtete der Tagesspiegel über eine kleine technische Revolution: das Ende der Wählscheibe. Zu Jahresbeginn 1977 lieferte die Telekom die ersten Tastentelefone aus. Seitdem hat sich viel verändert. Heute telefonieren wir digital, mobil und praktisch knisterfrei. Eine Konstante hat die rasanten Veränderungen der Telekommunikationswelt aber überdauert: Die TAE - sprich Telefon-Anschluss-Einheit - und die ist immer genau da, wo man sie am wenigs-ten braucht. Verlängerungsschnüre durchziehen als gefährliche Stolperfallen heute wie vor 25 Jahren unser Heim. Und wer schon einmal versucht hat Telefon, Anrufbeantworter, Fax und Modem an so eine Dose anzuschließen, kennt die Tücken dieser archaischen Technik. Dieser Zustand soll sich ändern. Schon seit einigen Jahren mühen sich Ingenieure, unsere vier Wände auf die Höhe der Internetzeit zu bringen. Vernetzung heißt das Stichwort.

Das prominenteste Beispiel für dieses Vorhaben ist das FutureLife-Projekt im Schweizer Kanton Zug. Zwei Millionen Euro ließ sich Metro-Milliardär Otto Beisheim diese "Visionsfabrik" kosten. Seit November 2000 leben der Informatiker Daniel Steiner und seine Frau Ursi mit ihren beiden Kindern in dem äußerlich nicht von anderen Doppelhäusern zu unterscheidenden Zukunftshaus in Hünenberg. Doch innen ist es vom Keller bis zum Dach mit modernster Technik vollgestopft. Fast alle Hausgeräte - Herd, Fernseher, Jalousie oder Rasenmäher - sind miteinander vernetzt, kommunizieren miteinander und lassen sich mit einem so genannten SimPad fernsteuern.

Über 60 Firmen lassen in Hünenberg ihre für das "Wohnen von Morgen" entwickelten High-Tech-Geräte, Anwendungen und Systeme unter Alltagsbedingungen testen. Doch manche im Labor erdachte Technik erwies sich als alltagsuntauglich. So erkannte das biometrische Schloss des Hauses in den kühlen Abendstunden den Fingerabdruck der Bewohner nicht mehr und ließ die Steiners wie ungeliebte Gäste vorm Haus stehen. Seither öffnet die Haustür nicht nur "auf Fingerabdruck", sondern auch wenn die Bewohner sich ihm mit einer speziellen Armbanduhr oder einem Spielzeugschlüssel nähern. Nicht einmal mehr die Einkaufstüten müssen die Bewohner dazu aus der Hand legen. Die Einkäufe erledigen die Steiners allerdings meistens ohnehin im Online-Shop. Damit die Lieferanten des virtuellen Supermarkts nie vor verschlossener Tür stehen, verfügt das Haus über eine Skybox - einer Kombination aus Kühlschrank, Eisfach und Briefkasten.

Mit einer Chipkarte öffnet der Lieferant die Box und deponiert dort die Waren. Die SkyBox öffnet nach Eingabe eines Codes. Möchte jemand etwas abliefern, verraten ihm die Steiners die Ziffernreihe. An der SkyBox gibt der Lieferant die Zahlenkombination über eine Tastatur ein, die Box öffnet sich und unmittelbar danach verliert der Code seine Gültigkeit - und die Steiners geben ihn neu ein, bei Bedarf per Handy.

Ähnliche Möglichkeiten wie die Steiners in Hünenberg können auch die Test-Bewohner des in-Hauses vom Frauenhofer-Institut für Mikroelektronische Schaltungen und Systeme (IMS) in Duisburg oder des Cisco Internet Home in London nutzen. Ähnlich sind sich diese Pilot-Häuser darin, dass die Kostenfrage bei ihrer Entwicklung eine untergeordnete Rolle spielte. Bei der eingesetzten Technik handelt es sich häufig um Prototypen und Spezialentwicklungen, die im Handel so nicht zu haben sind.

Das heißt aber nicht, dass der durchschnittliche Bauherr von heute auf die schöne neue Welt eines vernetzten und "intelligenten" Hauses verzichten und weiterhin über Telefonleitungen stolpern muss. Unter dem Stichwort Online- oder MultimediaHäuser sind heute schon stark abgespeckte, aber damit finanzierbare Varianten des FutureLife-Hauses auf dem Markt zu haben.

Das Nervensystem dieser Bauten ist - wie auch bei den High-Tech-Häusern - der Europäische Installationsbus (EIB). Bei diesem Kabelsystem verbindet eine zweiadrige Leitung - sie wird zusammen mit den Stromkabeln verlegt - im Haus alle Geräte und Sensoren miteinander. Das ermöglicht deren Kommunikation und aufeinander abgestimmtes Handeln. So schließt das System zum Beispiel ein Heizungsthermostat, wenn ein Fenster im selben Zimmer offen steht. Voraussetzung ist die Ausstattung mit systemkompatiblen Fensterkontakten (Sensoren) und Heizungsthermostaten sowie eine Programmierung der Geräte.

Das Gehirn des EIB ist die Technik-Box. An diese übertragen alle Geräte ihre Daten. Der Bewohner kann sie von einem Display aus abrufen und steuern - also natürlich über Internet und Telefon. Der EIB lässt sich nach der Installation erweitern und verändern, die Bewohner können neue Geräte installieren oder bestehende Funktionen variieren. So lassen sich zum Beispiel ein Babyphone, ein Notrufsystem für alte Menschen oder eine Alarmanlage in das System integrieren und diese Leitungen mit einem externen Pflegedienst oder einem Wachschutz verbinden. Um diese Erweiterungsoptionen nutzen zu können, sollten Bauherren schon bei der Planung ihres Hauses darauf achten, alle Räume mit einer Busleitung zu erschließen oder leere Rohre für später einzuziehende Datenstränge zu verlegen.

Die Kosten für den EIB hängen von den Ausstattungswünschen der Nutzer ab. Einsteigersysteme für die automatische Regelung von Licht und Heizung gibt es bereits ab 1500 Euro. Eine andere Variante, sein Eigenheim zu vernetzen, bietet HomeWay, eine Multimedia-Verkabelungslösung von Corning Cable Systems. Alle Informationen für Telefon, Fax, ISDN, Radio, Fernsehen, Internet und Intranet fließen über eine "Datenautobahn" von der HomeWay-Zentrale in die verschiedenen Räume des Hauses. Zum Einsatz kommt ein kombiniertes Koaxial- und Datenkabel. In jedem Raum befindet sich eine Universalanschlussdose, und der Bewohner kann dort jedes Endgerät einstöpseln. Voraussetzung ist das passend Modul für TV, Telefon oder Modem. Dies lässt sich dann aber mit einem Handgriff in die Universaldose klicken. Damit dürften lästige Verlängerungskabel zum Fax- oder ModemAnschluss - sowie die damit aufgebauten Stolperfallen - endgültig ein Relikt aus vergangenen Zeiten sein.

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