Zeitung Heute : Bauern mitten in der Hauptstadt?

Worin die Humboldt-Universität Landwirte ausbildet

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Von Konrad Hagedorn

und Uwe Jens Nagel

Landwirtschaft in Berlin? Hier soll nicht die Rede sein von den landwirtschaftlichen und gartenbaulichen Betrieben in der Stadt, sondern von der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät. Nach mehr als 40 Jahren getrennter Entwicklung in Ost und West fand die Fakultät in der Humboldt-Universität ihre alte Heimat wieder.

Von politischer Seite wurde vor einigen Jahren kolportiert: „Warum sollen wir in Berlin Bauern ausbilden?“ Die schlagfertige Antwort des damaligen Dekans war „Mondforschung findet auch nicht auf dem Mond statt!“ Warum gerade in Berlin der Agrarforschung und -lehre hohe Priorität zukommen sollte, wird vielleicht deutlicher, wenn man sich sowohl deren konkrete Inhalte als auch deren Qualität vor Augen führt. Die Qualität einer weitgehend angewandten Forschung findet ihren Ausdruck in ihrer Fähigkeit, zur Lösung praktischer Probleme beizutragen.

Über die quantitative Verfügbarkeit von Nahrung macht sich in Deutschland kaum jemand Gedanken. Dank einer hoch entwickelten Agrarwissenschaft werden Verbraucher in Europa durchaus Lebensmittel finden, die höchsten Qualitätsansprüchen gerecht werden. Weltweit ist die Situation aber anders: 800 Millionen Menschen hungern, das sind 18 Prozent der Weltbevölkerung. 180 Millionen Kinder sind unterernährt. Das sind 33 Prozent aller Kinder.

Infolgedessen sehen sich die Agrarwissenschaften in der Pflicht, Lösungen zu erarbeiten, wie eine rasch steigende Weltbevölkerung nachhaltig versorgt werden kann, ohne dass die natürlichen Ressourcen übernutzt oder gar zerstört werden. Allein durch Bodendegradierung sind zwischen 1945 und 1990 rund 17 Prozent der Biomasse produzierenden Fläche der Welt verloren gegangen, fast 35 Millionen Quadratkilometer der landwirtschaftlichen Nutzfläche sogar von Wüstenbildung bedroht. Ferner hat die Artenvielfalt bei Kulturpflanzen seit 1920 um 75 Prozent abgenommen.

Die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät sieht sich einerseits als regionalverbunden mit engen Kontakten zu Brandenburg und gleichzeitig international orientiert auf den Osten und den Süden.

Zudem wurden neue Studiengänge mit Abschlüssen als Bachelor und Master eingeführt, wie beispielsweise in „Nachhaltiger Landnutzung“. Auch die Forschung umfasst ein breites Spektrum: zur europäischen Agrarpolitik, tropischen Tierhaltung, Agrarumweltpolitik, Ressourcen schonenden Agrartechnik sowie zum urbanen Gartenbau und ökologischen Landbau. Viele der aufgegriffenen Forschungsfragen betreffen die tiefgreifenden Transformationsprozesse in der Landwirtschaft Ostdeutschlands.

Zugleich hat die Fakultät eine ausgeprägte Tradition in der Entwicklungsländerforschung. Nicht selten finden sich diese Projekte in von Umbrüchen und Krisen geschüttelten Regionen der Welt wie Äthiopien, Sudan, Sri Lanka und Kuba. Einen ähnlichen Schwerpunkt bilden die mittel- und osteuropäischen Transformationsländer. Ein internationales, von der EU finanziertes Forschungsprojekt ns „CEESA“ (Central and East European Sustainable Agriculture) fällt in diesen Bereich.

Wie sehr die Pflege von agrarwissenschaftlicher Forschung und Lehre gerade der Verantwortung eines der reichsten Industrieländer entspricht und daher in unserer Hauptstadt angemessen lokalisiert ist, liegt angesichts der genannten Aufgaben und Probleme auf der Hand. Es ist für die Mitarbeiter und Professoren der Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät ermutigend, dass gerade die junge Generation hieran wachsendes Interesse zeigt.

Prof. Dr. Uwe Jens Nagel ist Dekan der Landwirtschaft-Gärtnerischen Fakultät der HU. Er vertritt das Lehrgebiet Landwirtschaftliche Beratung und Kommunikationslehre. Prof. Dr. Konrad Hagedorn lehrt an der Fakultät das Fachgebiet Ressourcenökonomie.

Nähere Informationen im Internet: www.agrar.hu-berlin.de

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