Zeitung Heute : Bauernaufstand

FRANK NOACK

No Telenovela: "Guerra de Canudos" von Sergio RezendeVON FRANK NOACKAus verschiedenen Gründen hätte "Guerra de Canudos" mißlingen können.Es ist die teuerste brasilianische Produktion aller Zeiten, an der sich US-Investoren mit sechs Millionen Dollar beteiligt haben.Unter solchen Umständen verliert ein Regisseur leicht den Verstand, ganz zu schweigen von der Kontrolle.Daß zu den Hauptfiguren eine schöne Frau zwischen den Fronten gehört, klingt nach aufgeblasener Telenovela, während der historische Hintergrund - der Kampf armer Bauern gegen ihre Unterdrücker - schlimmste Schwarzweißmalerei befürchten läßt.Umso erfreulicher das Ergebnis: 165 Minuten lang fesselt Regisseur Sergio Rezende sein Publikum, ohne sich vordergründiger Effekte zu bedienen. Rein dramaturgisch funktioniert der Film nach bewährtem Muster: Menschen werden ausgebeutet, wehren sich, erzielen große Erfolge und werden dann doch noch besiegt.Von Steuereintreibern bedrängt, seit Brasilien 1889 zur Republik erklärt worden ist, schließen sich Tausende von verarmten Bauern einem geheimnisvollen Fremden an, unter dessen Anleitung sie in dem kleinen Ort Canudos eine Festung errichten.Hier entsteht eine religiös-kommunistische Siedlung, in der Gleichheit und Gerechtigkeit versprochen werden.Die Regierung schickt Soldaten los, die die Festung stürmen sollen; erst 1897 werden die Aufständischen besiegt. Es fällt leicht, sich mit den Bauern zu identifizieren.Andererseits gibt es auch Gründe, sich von der autonomen Siedlung fernzuhalten: Der Anführer ist ein religiöser Fanatiker, der keine Frauen und keinen Alkohol mag - Grund genug für die schöne Luisa (Claudia Abreu), ihrer Familie nicht in die Festung zu folgen.Luisa genießt ihre Unabhängigkeit und wird die Geliebte eines Soldaten, der an der Schlacht um Canudos teilnimmt. Sergio Rezende filmt wie ein neutraler Beobachter.Den sachlichen Ton unterstützen die Bilder, die weder kunstvoll-kitschig noch bemüht schmuddelig sind.Lust an der Farbe kommt nur dann zum Ausdruck, wenn sich die rot-blauen Uniformen der Soldaten von der vertrockneten Landschaft abheben, doch dieser Effekt ist dramaturgisch voll gerechtfertigt.Sogar die heikle Aufgabe, das Geschehen musikalisch zu untermalen, ist gelungen: Edu Lobos Musik wirkt nie aufgesetzt - ob sie nun religiöse Motive enthält oder bedrohlich klingt.Warum, fragt man sich, gelingt es nicht allen Großproduktionen, so locker und selbstverständlich daherzukommen Heute 18 Uhr (Royal), morgen 12 Uhr (Atelier)

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