Zeitung Heute : Bauernregeln

DANIEL WETZEL

Die deutsche Landwirtschaft könnte weltweit in der ersten Liga spielen VON DANIEL WETZEL

Das Klagelied der Bauernschaft klingt den Deutschen seit langem in den Ohren.Die Politiker, so scheint es, konnten der starken Agrarlobby so gut wie nichts recht machen: Das Höfesterben ging weiter, die Butterberge wurden höher, die Milchseen tiefer.Für Milliardensubventionen aus dem Steuersäckel dankten die Landwirte mit Trecker-Demos in Bonn.Die Zeit der Negativmeldungen aber ist vorbei.Pünktlich zur Grünen Woche hört man zumindest aus den Neuen Ländern Jubeltöne.Ostdeutsche Agrarunternehmen stabilisieren sich, meldet der Bauernverband.Von einem "Wendejahr" sprechen gar die Landwirtschaftsminister. Was ist geschehen? Tatsächlich brachte das hochgelobte Wendejahr 1996 zu Beginn nur Hiobsbotschaften.Das Frühjahr war so naß, daß die Bauern kaum auf die Felder kamen.Nach der verregneten Getreideernte meldeten auch die Tierzüchter Land unter: Der britische Rinderwahnsinn ließ die Fleischpreise purzeln.Der Skandal um grausame Tiertransporte vermieste dem Verbraucher die Lust auf saftige Steaks noch weiter.Mochte Bauernpräsident Heereman auch vor "Fleisch-Mobbing" warnen, Agrarminister Borchert vor laufenden Fernsehkameras demonstrativ Rindfleisch essen: Der Verbraucher blieb verunsichert.Die Tierzucht, mit einem Umsatzanteil von 60 Prozent wichtigster Sektor des Agrarmarktes, schien in eine existentielle Krise zu rutschen. Daß dann alles anders kam, zeigt, daß die politischen Rahmenbedingungen für die Landwirte in Deutschland nicht so schlecht sind, wie die mächtige Agrarlobby der Öffentlichkeit gemeinhin weismacht.In Westen stieg das Durchschnittseinkommen der Landwirte trotz aller Ungemach immerhin um 2 Prozent.Und der Osten holte weiter auf: Mit hohen Investitionen gelang es den LPG-Nachfolgern, qualitativ aufzuschließen, Kosten zu senken und erstmals aus ihrer überdurchschnittlichen Betriebsgröße Kapital zu schlagen.Der Getreideanbau blieb trotz verhagelter Ernte der wirtschaftlichste Agrarzweig, die Tierzüchter konnten die Rindfleischkrise durch höhere Schweinepreise und vermehrte Milchverkäufe ausgleichen.Brandenburgs Landwirtschaftsminister glaubt, daß trotz BSE-Krise in seinem Land kein einziger Rinderzüchter das Handtuch werfen mußte.Wie viele seiner Kollegen schaut der Minister seit Jahren erstmals wieder optimistisch in die Zukunft. Das ist auch gut so.Eine Nabelschau wie in den vergangenen Jahren, das permanente Heulen und Zähneklappern der Protektionisten und Subventionsempfänger kann sich die deutsche Landwirtschaft nicht mehr länger leisten.Der Themenkatalog der Grünen Woche ist Beleg dafür, daß die Bauern vor immensen wirtschaftlichen und technischen Umwälzungen stehen.Beispiel Globalisierung: Nur im Ausland konnte die deutsche Ernährungswirtschaft im vergangenen Jahr zulegen.Im Inland stagnierte der Absatz.Mögen Kritiker auch aus umweltpolitischen Gründen die Extensivierung und Regionalisierung der Landwirtschaft fordern, der Weltmarkt ist Realität.Die Landwirtschaft muß den Export wichtiger nehmen.Globales Denken und neue Vertriebswege sind gefragt.Beispiel Gentechnik: Gut oder schlecht, Experten rechnen in Kürze mit einer großen Zahl genmanipulierter Lebensmittel auf dem deutschen Markt.Aufzucht und Vertrieb der neuen Produkte erfordert von den Landwirten Risikobereitschaft und Flexibilität.Um solche Herausforderungen meistern zu können, brauchen die Landwirte den unbeschwerten Blick nach vorne.Deutschlands drittgrößter Wirtschaftszweig hat nun das Potential, im Bereich der nachwachsenden Rohstoffe und der Biotechnologie weltweit in der ersten Liga mitzuspielen.Die Politik muß ihm nur den Rücken freihalten.

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