Zeitung Heute : Baukünstler bewundern

Lars von Törne

Wie ein Westberliner die Stadt erleben kann

Architekturkritiker können mit dem Gebäude ja nicht viel anfangen. Sie finden den Granit-Klotz enttäuschend, den der vor kurzem verstorbene Architekt Philip Johnson vor zehn Jahren am Checkpoint Charlie erbauen ließ. Mir hingegen gefällt das Gebäude, bei Besuch von auswärts gehört es zum Tourprogramm. Das liegt allerdings weniger an der Leistung des Architekten.

Was mich an dem Bau anzieht, stammt gar nicht von Johnson, sondern von Claes Oldenburg und Coosje van Bruggen. Das Künstlerpaar hat direkt vor den Block zur Mauerstraße hin seine knallbunte Skulptur „Houseball“ gesetzt. Sie sieht aus wie ein zusammengerollter Riesenteppich, aus dem Möbel und Alltagsgegenstände herausragen. Man erkennt Stühle, ein Waschbrett, eine Gießkanne, Zahnpastatuben. Die Skulptur soll den Hausrat eines Exilanten symbolisieren. Steht man vor dem fast zehn Meter hohen Werk, fühlt man sich allerdings eher wie Alice im Wunderland.

Ein wenig passt auch Johnsons Bau in diese Traumwelt. Mit etwas Fantasie kann man in seiner abweisenden Fassade Elemente einer Ritterburg sehen, samt Brüstung und Zinnen. Auch drinnen, in der öffentlich zugänglichen Empfangshalle, hat das Gebäude auf den ersten Blick etwas von einer düsteren Burg. Nur die freundliche Empfangsdame passt nicht dazu. An den Wänden der Halle werden wechselnde Ausstellungen gezeigt, derzeit gibt es mit Bindfäden durchsetzte Fotokunst der deutsch-chinesischen Künstlerin Lo. Und man sieht den Entwurf eines deutschen Einheitsdenkmals, den Umriss einer Menschenkette, der von dem Künstler Peter Neubert stammt. Über Johnson erfährt man hier allerdings wenig. Dafür hat man es nicht weit zu den Werken anderer Baukünstler.

Direkt nebenan steht das zur Nazizeit erbaute Haus Friedrichstadt von Jürgen Bachmann, auf der anderen Seite kann man das schnittige Bürohaus „Triangel“ von Josef Paul Kleihues bewundern. Und für zwischendurch gibt’s im Café Balzac im Haus Friedrichstraße zum Kaffee den wahrscheinlich besten Bananenkuchen der Stadt.

Eine gute, komprimierte Einführung zu den Berliner Bauwerken der wichtigsten Architekten aus allen Epochen bietet der kürzlich im Jaron-Verlag erschienene Stadtführer „Architektur in Berlin“ (120 Seiten, vierfarbig, 12 Euro).

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