Baumhaus-Architektur : Luftschlösser

Tarzan, Huck Finn und Bart Simpson – sie alle hatten Baumhäuser, doch die waren eher einfach. Inzwischen haben sich Architekten des Themas angenommen. Ein Report zwischen Himmel und Erde.

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Nein, im Norden Schwedens sind keine Außerirdischen gelandet. Dieses kaum zu identifizierende Objekt gehört zum Tree-Hotel-Komplex im Örtchen Harads. Das "Ufo Tree Hotel" hängt in den Bäumen, über eine Zugangsleiter gelangt man ins Innere.Alle Bilder anzeigen
Foto: Taschen/Inredningsgruppen;Treehotel
01.02.2013 12:54Nein, im Norden Schwedens sind keine Außerirdischen gelandet. Dieses kaum zu identifizierende Objekt gehört zum Tree-Hotel-Komplex...

Früher war es selten mehr als ein Jungstraum. Man kletterte auf einen großen Baum hinten im Garten oder im Wäldchen nebenan, legte ein paar zusammengesuchte Bretter auf die stärkeren Äste, krumm und schief sah das aus, nagelte diese Holzleisten fest, und schon war es fertig: das Baumhaus. Ein Platz zum Verstecken, einer, der irgendwie Abenteuer versprach. Und dann war da natürlich noch der Stolz, sich selbst einen eigenen Unterschlupf gebaut zu haben!

Mittlerweile sind Baumhäuser nicht mehr bloß Freizeitprojekte neun- oder zehnjähriger Bauherren. Auch das Image, vor allem Sehnsuchtsort für Öko-Aktivisten zu sein, die im Englischen ja gern als „tree hugger“ und im Deutschen manchmal als „Baumknutscher“ bezeichnet werden, haben sie abgelegt. Denn seit zehn, 15 Jahren begeistern sich zunehmend spezialisierte Schreiner und sogar renommierte Architekten fürs Baumhaus. Sie entwerfen technisch ausgefeilte Bauten, experimentieren mit ungewöhnlichen Formen und modernem Design.

Einige zum Teil spektakuläre Baumhäuser aus aller Welt versammelt jetzt das Buch „Tree Houses“ (Taschen, 352 Seiten, 49,99 Euro), dem auch die Bilder auf dieser Seite entnommen sind. In der Einleitung schreibt Architekturexperte Philip Jodidio, Baumhäuser gehörten zu den ältesten Formen des Wohnbaus, etwa in Südostasien. Auch in Europa gibt es historische Beispiele. So soll der exzentrische römische Kaiser Caligula zwischen den Ästen einer Platane wilde Feste gefeiert haben, und in der Toskana gab es zu Zeiten der Renaissance prächtige Baumhäuser mit Speisezimmer und Brunnen.

Einer der wichtigsten Baumhaus-Designer der Gegenwart ist ein Deutscher. Andreas Wenning, Jahrgang 1965, betreibt in Bremen seit 2003 das Architekturbüro „Baumraum“, wer will, kann sich von ihm ein Haus in luftiger Höhe gestalten lassen. Voraussetzung: ein Baum, der nicht zu alt und nicht zu jung ist und mindestens eine Stammdicke von 20 Zentimetern besitzt. Kostenpunkt: mehrere tausend, manchmal auch mehrere zehntausend Euro. Wenning arbeitet viel mit Holz, seine Häuser haben avantgardistische Formen, durch ihre großen Fenster kann man geradeaus auf die Landschaft oder nach oben in die Wipfel schauen.

Noch experimenteller ist zum Beispiel das „Mirrorcube Tree Hotel“ in Nordschweden, das vom Büro „Tham & Videgard“ entworfen wurde. Es ist 4 x 4 x 4 Meter groß, besteht zum größten Teil aus Leichtaluminium und ist mit Spiegelglas verkleidet. Von innen bietet sich ein Rundumblick in den Wald, von außen verschwindet das Haus dank seiner Spiegel-Oberfläche fast in der Natur. Regelrecht bizarr wirkt das „Ufo Tree Hotel“ eines anderen Architekten, das zur gleichen Baumhaus-Anlage im schwedischen Harads gehört. Es sieht tatsächlich aus, wie man sich eine fliegende Untertasse vorstellt. Das Haus ist nicht auf Ästen errichtet, sondern hängt zwischen den Bäumen. Über eine Leiter aus Metall gelangt man ins Innere. Dort gibt es auf zwei Ebenen ein Bad, einen gemeinschaftlichen Wohnbereich und zwei Schlafzimmer.

Viele moderne Baumhäuser dienen als Hotels. Kein Wunder, zeichnet die Häuser doch aus, dass man in ihnen dem Alltag entfliehen und in aller Ruhe auf die Welt hinabblicken kann. In Deutschland gibt es mehrere solcher Hotelanlagen, etwa die „Kulturinsel Einsiedel“ an der Neiße nördlich von Görlitz oder das „Wipfelglück“ nahe Schwäbisch Hall.

Die künstlerisch interessantesten Baumhäuser sind wahrscheinlich die von Terunobu Fujimori. Der Japaner, Professor am Institut für Ingenieurwissenschaften der Uni Tokio, begann spät als Architekt zu arbeiten – und setzte es sich dann zum Ziel, seinen ganz eigenen Stil zu entwickeln. Er arbeitet mit archaischen Materialien wie Stein, unbearbeitetem Holz, Stroh und Erde, und seine Entwürfe sind oft humorvoll. Fujimoris „Teehaus Tetsu“, errichtet in Zentraljapan, sitzt auf einem Zypressenstamm. Von dort oben kann man im Frühjahr die Blüte der umliegenden Kirschbäume betrachten. Das Baumhaus selbst wirkt nicht wie von dieser Welt. Sondern als komme es direkt aus einem Märchen.

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