Zeitung Heute : Bausparen: Wüstenrot-Chef Gert Haller über Eigenheimfinanzierung, Zinsentwicklung und den Ärger mit der Politik

Herr Haller[auf Partys redet alles über Akti]

Gert Haller (56), 16 Jahre im Bundesfinanzministerium, zuletzt als Staatssekretär, ist seit 1995 Vorstandsvorsitzender der Wüstenrot Bausparkasse Aktiengesellschaft. Unter seiner Ägide fusionierte die damals drittgrößte Bausparkasse 1999 mit der Württembergischen Versicherung. Mittlerweile gehört auch die Leonberger Bausparsparkasse zum Konzern. Die neue Wüstenrot & Württembergische AG hat sechs Millionen Kunden, die Bilanzsumme liegt bei rund 100 Milliarden Mark.



Herr Haller, auf Partys redet alles über Aktien. Bausparverträge gelten als altbacken. Hat diese Spar- und Finanzierungsstrategie ausgedient?

Nein, der Bausparvertrag ist nach wie vor ein wichtiges Finanzierungsprodukt. Die Verkaufszahlen belegen das. Insgesamt wurden im vergangenen Jahr in Deutschland rund 4,5 Millionen Bausparverträge verkauft. Das war ein Rekord. Dasselbe gilt für die Sparsummen und die ausgegebenen Darlehen. Sieben von zehn Deutschen betrachten Bausparen als ersten Schritt zum Wohneigentum. Bausparen ist also nicht nur etwas für risikoscheue Kleinanleger, sondern ein Evergreen.

Woher kommt dann der Ruf, Bausparen sei konservativ?

Bausparen ist ein finanzieller Prozess, der sich über Jahre erstreckt. Es ist kein Exote unter den Sparformen. Im übrigen ist heute vieles von Produktsprache geprägt. Wir könnten das Bausparen auch als "Zins-Future" bezeichnen, das unabhängig von "ceilings" und "floors" zyklischer Zinsschwankungen ist. Doch wir erklären die Vorteile des Bausparens lieber mit allgemeinverständlichen Worten. Der Bausparer weiß schon heute, welchen Zins er morgen bezahlt. Das ist eine gute Versicherung gegen steigende Baugeldpreise.

Derzeit sind die Zinsen im Tal. Wozu ist da noch eine Finanzierung über einen Bausparvertrag nötig?

Wenn die Zinsen relativ gering sind, glauben viele, der Anreiz sei gering, das Baussparen als Finanzierungsbaustein einzusetzen. Das veranlasste viele Bausparkassen dazu, die Spar-, aber auch die Darlehenszinsen herab zu setzen. Das war eine vernünftige Reaktion auf die Zinsentwicklung der vergangenen Jahre. Wer heute einen Bausparvertrag abschließt, bekommt während der Sparphase einen Zins von zwei Prozent auf sein Guthaben. Wenn später das Darlehen zugeteilt wird, bekommt er sein Baugeld für 4,25 Prozent Zinsen. Diese für die Zukunft gesicherten Konditionen liegen um rund zwei Prozentpunkte unterhalb des Marktwertes am Tag des Vertragsabschlusses. Wenn später die Zinsen am Markt steigen, sichert sich der Kunde damit sehr attraktive Konditionen.

Das wird aber den Bausparern nichts nutzen, die vor gut sieben Jahren einen Vertrag unterschrieben und jetzt ein Darlehen zu den damals hohen Zinsen bekommen ...

Der Bausparer muss das Darlehen ja nicht abrufen. Außerdem profitiert er ja auch von den unverändert hohen Sparzinsen seines damals abgeschlossenen Vertrags. Die liegen heute weit über Marktpreisen. Es ist aber natürlich richtig, dass die Baugeldkonditionen ständig schwanken. Im vergangenen Jahr waren die Zinsen relativ niedrig, doch nun steigen sie wieder und liegen über sechs Prozent. Da die Bausparverträge langfristig laufen, werden solche Schwankungen bei der Zinsentwicklung ausgeglichen. Im Übrigen sind die Bauspartarife mit dem Bundesaufsichtsamt für das Kreditwesen abgesprochen. Das achtet darauf, dass die Tarife keine Schlagseite bekommen - weder für den Kunden noch für die Bausparkassen. Bausparen ist streng staatlich kontrolliert.

Wie viele Jahre müssen Kunden denn sparen, bis sie ein Darlehen bekommen?

Sehr häufig haben die Verträge eine Laufzeit von sieben Jahren. Das hängt mit der staatlichen Förderung von Bausparverträgen zusammen. Der Kunde muss mindestens sieben Jahre lang sparen, um die volle Förderung, die sogenannte Bausparprämie zu bekommen. Allerdings gibt es Darlehen auch schon nach zwei Jahren.

Die Rendite in der Sparphase ist nicht besonders gut. Da kann sich ein konservativer Anleger doch gleich mit Pfandbriefen eindecken, oder?

Wer sein Geld heute in Pfandbriefe anlegt, der erhält Zinsen von etwas über fünf Prozent. Ist die Sparzeit einmal abgelaufen, dann kommt es zur Auszahlung des gesparten Betrages. Benötigt der Anleger nun aber einen Kredit, um beispielsweise ein Haus zu bauen, dann kann es ein böses Erwachen geben, wenn die Zinsen unterdessen gestiegen sind. Wenn der Anleger dagegen einen Bausparvertrag abgeschlossen hatte, dann bekommt er sein verzinstes Sparguthaben und ein Darlehen für einen Zins von nur 4,25 Prozent. Das ist kaum zu unterbieten.

Nehmen wir an, die Zinsen sind dann aber günstig oder der Sparer hat sein Baugrundstück noch nicht gefunden. Kann er das Darlehen auf Eis legen?

Ja, der Anleger muss die Zuteilung nicht sofort annehmen. Der Vertrag kann entsprechend verlängert werden, die Darlehenssumme erhöht sich damit. Der Anleger kann flexibel über das Geld entscheiden.

Letztlich hängt die Rendite des Bausparens von der Entwicklung der Kapitalmärkte ab. Rechnen Sie mit steigenden Zinsen?

Die Zinsentwicklung hierzulande wird stark von den US-Zinsen und der Entwicklung des Euros abhängen. Die Konjunktur spielt ebenfalls eine wichtige Rolle. Eine robustere Konjunktur bedeutet immer eine höhere Beanspruchung der Kapitalmärkte - und dann wird das Geld teurer. In den USA ist dieser Prozess seit einem Jahr zu beobachten. In der Bundesrepublik ist die Konjunktur erst angesprungen. Noch sind die Kapitalmärkte relativ ruhig. Der eigentliche Investitionsboom, und damit die höhere Kreditnachfrage, hat noch nicht stattgefunden. Dennoch rechne ich nicht mit einer Hochzinsphase, wie wir sie vor acht Jahren hatten. Im Euroland wird es längerfristig bei einer moderaten Inflationsrate bleiben. Die Zinsen für Baugeld dürften sich zwischen sechs und sieben Prozent bewegen.

Sie trauen also dem Euroland?

Ja, der kurzfristige Zinssatz der Europäischen Zentralbank dürfte maximal auf fünf Prozent steigen. In Europa haben wir eine ausgesprochen niedrige Inflationsrate, der Euro ist eine knallharte Währung, im Hinblick auf die innere Kaufkraft ist sie deutlich härter als die D-Mark. Die Abwertung gegenüber dem Dollar ist vermutlich von nur vorübergehender Dauer. In dem Maße, in dem sich die Konjunktur in Europa weiter stabilisiert, wird sich die aktuelle Kursrelation korrigieren.

Welchen Einfluss nimmt die Politik auf das Bausparen?

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Die Politik steuert mit der Rentenreform auf eine höhere Eigenvorsorge zu. Diese Entwicklung könnte zu Lasten des Bausparens gehen. Wir halten aber das Bausparen insbesondere in Hinblick auf die eigenen vier Wände eigentlich für das beste Vorsorgeprodukt. Untersuchungen haben ergeben, dass Mieter im Rentenalter 20 bis 30 Prozent ihres Einkommens für das Wohnen zahlen, Immobilienbesitzer dagegen nur fünf bis zehn Prozent. Ziel sollte es sein, die Eigentumsquote, die in Deutschland noch immer eine der niedrigsten in Europa ist, zu erhöhen. Es war falsch, den Mietwohnungsbau hierzulande so viel stärker zu fördern durch hohe Abschreibungsmöglichkeiten als das selbstgenutzte Wohneigentum.

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