Zeitung Heute : Bayerischer Erbfolgestreit

Edmund Stoiber will kämpfen – doch es könnte zu spät für ihn sein. Wer hat jetzt in der CSU das Sagen?

Fabian Leber

Für Edmund Stoiber geht es bei der Winterklausur der CSU-Landtagsfraktion, die heute in Wildbad Kreuth beginnt, ums Ganze. Er will um eine erneute Spitzenkandidatur 2008 kämpfen. Doch in der CSU werden schon Szenarien für die Zeit nach ihm durchgespielt. Stoiber soll abgeblich zur freiwilligen Aufgabe seiner Ämter gedrängt werden. Wenn es ihm in Kreuth nicht gelingt, die CSU-Landtagsabgeordneten hinter sich zu bringen, wird für ihn ein Rückzug früher oder später unausweichlich sein. Vor allem vier Personen könnten von einem Machtverlust Stoibers profitieren.

HORST SEEHOFER: Der Landwirtschaftsminister sagt zwar: „Ich stehe zu Edmund Stoiber.“ Doch solche Vertrauensbekundungen besitzen sind in der Politik nur begrenzte Haltbarkeit. Zumal Seehofer schon mehrmals unter Stoibers gestrengem Führungsstil zu leiden hatte. Vor drei Jahren galt er in der CSU als isolierter Einzelgänger. Jetzt aber geht er als klarer Favorit ins Rennen – zumindest beim Kampf um den CSU-Vorsitz. Im Gegensatz zum steif daherkommenden Stoiber genießt Seehofer mit seiner gelassenen Art die Sympathien der Parteibasis. Sein Problem: Die Landtagsfraktion mag ihn nicht. Der Bundespolitiker Seehofer lässt immer wieder mal durchblicken, dass die Münchner Provinzler nicht auf seinem Berliner Niveau spielen. Außerdem ist er als „Herz-Jesu-Sozialist“ dem wirtschaftsliberalen Flügel um Wirtschaftsminister Erwin Huber suspekt. 2001 erkrankte der Politiker aus Ingolstadt an einer lebensgefährlichen Herzmuskelentzündung und zog sich vorübergehend aus der Politik zurück – dies könnte ein Manko auf dem Weg zur Parteispitze sein. Sein Verhältnis zu Angela Merkel, das nach dem Streit über die „Kopfpauschale“ zerrüttet war, gilt als repariert.

GÜNTHER BECKSTEIN: Schon einmal durfte sich der bayerische Innenminister aus Nürnberg als kommender Ministerpräsident fühlen. Als Stoiber 2005 eigentlich in die Bundesregierung wechseln wollte, hatte er in der Nachfolgedebatte gegenüber seinem Konkurrenten Erwin Huber die besseren Chancen. Nach Stoibers verstolperter Rückkehr nach München war bei Beckstein die Enttäuschung entsprechend groß. Kurze Zeit später gab er öffentlich alle Träume vom Einzug in die Staatskanzlei auf. Doch seit einigen Tagen signalisiert Beckstein auffällig gute Laune. Inzwischen sind viele von Becksteins Law-and-Order-Positionen bundesweit hoffähig geworden. Und der in der evangelischen Landeskirche aktive Christ ist im Ton gemäßigter geworden. Beckstein ist einer, der auch nachdenklich, charmant und hintersinnig sein kann. „Auf meinen Günther Beckstein lass’ ich nichts kommen“, sagte ausgerechnet Grünen-Chefin Claudia Roth einmal über ihn. Der leutselige Politiker, der sich seine Anzüge einmal im Jahr im Fabrikverkauf besorgt, könnte am ehesten dem Bedürfnis nach einem Landesvater vom Typ Alfons Goppels gerecht werden. Umstritten ist die Kandidatur Becksteins aber wegen seines Alters. Er ist nur zwei Jahre jünger als Stoiber. Im Gegensatz zu diesem machten dem verheirateten Vater von drei Kindern auch schon gesundheitliche Probleme zu schaffen. Seit einem schweren Hörsturz benötigt er ein Hörgerät.

ERWIN HUBER: Bayerns Wirtschaftsminister galt lange als Stoibers treuester Vasall. Er rackerte sich als Chef der Staatskanzlei jahrelang auf einem undankbaren Posten. Einst Liebling der CSU, wurde Huber als Cheforganisator der ungeliebten Verwaltungsreform zum Blitzableiter für den Zorn von Kommunalpolitikern. Sonst blieb der 60 Jahre alte Niederbayer oft im Hintergrund: Als Stoibers Verbindungsmann nach Berlin war er ein wichtiger Strippenzieher in der Union. „Ich bin die authentische Auslegung des Ministerpräsidenten“, sagte Huber einmal. Könnte Edmund Stoiber seinen Nachfolger selbst bestimmen, würde die Wahl wohl auf Huber fallen. Aber ein Liebling der Parteibasis ist er nicht, viele halten ihn für einen Machttechnokraten. Und eine Doppelspitze mit Seehofer als CSU-Chef ist so gut wie ausgeschlossen: Die beiden können sich nicht leiden.

JOACHIM HERRMANN: Als Chef der CSULandtagsfraktion besetzt der Franke eine Schlüsselposition. Der 50-Jährige ist einer der Jüngsten in der CSU-Spitze. Unter seiner Führung hatten die Landtagsabgeordneten 2005 Edmund Stoiber den Kopf gewaschen, als dieser aus Berlin zurückkehrte. Jetzt stellt Herrmann als Erster aus der Führungsriege den Rückzug Stoibers offen zur Debatte. Das könnte ihm in der Partei den Vorwurf einbringen, er sei ein Königsmörder. Und dass Herrmann selbst zum Ministerpräsidenten aufsteigt, ist nach dem Gezerre der vergangenen Wochen ziemlich ausgeschlossen. Angelastet werden ihm Führungsmängel – zum Beispiel verhinderte er nicht, dass es bei einer Abstimmung über den Landenschluss zum Patt in der Fraktion kam. Der selbstbewusste Rechtsanwalt Herrmann gilt als geschickter Organisator und Moderator, loyal und fair. Deftige Bierzelt-Reden sind aber nicht seine Stärke.

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