Zeitung Heute : Bayern treibt’s bunt

Gäbe es in der Politik einen Sonderpreis für unerschütterlichen Optimismus – Bayerns SPD-Spitzenkandidat Franz Maget hätte ihn sich verdient. Bis zuletzt versuchte der 54-jährige Münchner den Genossen zwischen Bayreuth und Regensburg Hoffnung zu machen auf ein Wahlergebnis deutlich über der 20-ProzentMarke. Die hatte Maget als Spitzenkandidat bei der Wahl 2003 mit 19,6 Prozent unterboten, während sein Kontrahent Edmund Stoiber mit einem Ergebnis von 60 Prozent triumphieren durfte. Maget sprach damals von einem „Debakel“.

Fünf Jahre später, im Wahlkampf 2008, war die Ausgangslage anders. Die CSU rutschte in allen Umfragen bis kurz vor dem Wahltag um mindestens zehn Prozentpunkte nach unten. Aber Magets Partei konnte diese Steilvorlage nicht verwandeln. Sie profitierte nicht von der Schwäche der Stoiber-Erben Günther Beckstein und Erwin Huber. Von Anfang an dümpelte sie in den Umfragen bei rund 20 Prozent herum. Der bayerische DGB-Vorsitzende Fritz Schösser nannte Maget ein „armes Schwein“. Der Chef der SPD-Landtagsfraktion hielt trotzdem bis zuletzt tapfer an seinem Wahlziel fest: „25 Prozent sind erreichbar.“

Trost können Maget und die Bundes-SPD jetzt in der Gewissheit finden, dass sie nicht die Einzigen sind, die in Bayern ein Debakel erleben. Die sich abzeichnende Schwäche der CSU beflügelte ihren Wahlkampf, mehrfach reiste der alte und neue SPD-Chef Franz Müntefering an, um Huber und Beckstein als „Waschlappen“ zu verspotten. „Der Strauß war immerhin noch Bundesliga, aber die beiden können das nicht“, rief er noch am Freitag in Nürnberg. „Am Sonntagabend wird der Minusbalken der CSU unten aus dem Fernseher rauskommen.“

Zwischen Münteferings erstem Auftritt im Münchner Hofbräukeller und der Nürnberger SPD-Abschlusskundgebung lagen knapp vier Wochen – und der Umsturz an der Parteispitze. Kurz vor dem Rücktritt von Kurt Beck vom Parteivorsitz und der Nominierung von FrankWalter Steinmeier zum Kanzlerkandidaten bei der SPD-Klausurtagung am Schwielowsee Anfang September hatte Maget die Streitigkeiten in der Bundes-SPD noch heruntergespielt. Auch die Bemühungen seiner hessischen Parteifreundin Andrea Ypsilanti, ein Linksbündnis in Wiesbaden zu schmieden, versuchte er als unbedeutend für Bayern abzutun. Dann, in den letzten Wochen des Wahlkampfes, erfuhr er zum ersten Mal so etwas wie Rückenwind aus der Bundespartei.

Für das Tandem Müntefering/Steinmeier ging es um viel: Sollte die Bayern-SPD trotz des Einsatzes der Bundespartei – auch Steinmeier hat seine Bierzeltauftritte absolviert – schlechter abschneiden als bei der historischen Niederlage 2003, stünde die Zugkraft des Spitzenduos schon wieder infrage. Geringfügige Gewinne hingegen ließen sich wenigstens als Anfangserfolg verkaufen – vor allem angesichts der CSU-Verluste. Es sind vor allem die möglichen Folgen für den inneren Zustand der Union, die der SPD im Bund Mut machen. Mit Auseinandersetzungen zwischen den Schwesterparteien sei zu rechnen, mit Debatten über Kurs und Richtung im Jahr der Bundestagswahl, sagte einer in der SPD, der sich mit Richtungsdebatten auskennt.

So lauten, kurz gefasst, die Hoffnungen führender Genossen am Sonntagmittag, ein paar Stunden bevor die Wahlparty im Willy-Brandt-Haus beginnt und um 18 Uhr die ersten Balken auf den Bildschirmen auftauchen. Die CSU hat demnach die absolute Mehrheit verloren. Andererseits hat aber auch die SPD ihr Wahlziel, deutlich über 20 Prozent zu erzielen, klar verfehlt. Gleich wird Frank-Walter Steinmeier vor die Kameras treten. Er wird dies in seiner Funktion als Interimsvorsitzender der SPD tun und vor allem über einen Aspekt des Wahlergebnisses reden: die Schwäche der anderen.

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