Zeitung Heute : Beats mit Abitur

KNUD KOHR

Freundeskreis hinterläßt eine Menge Fragen in der ArenaVON KNUD KOHRWarum eigentlich präsentieren sich HipHop-Gruppen seit einiger Zeit immer in Batallions-, ja geradezu in Wu-Tang-Clan-Stärke? Und welche Drogen nehmen Rapper, daß sie ihr Publikum nicht doppelt, sondern gleich zwokommandodreifach sehen? Fragen, die der Auftritt vom Freundeskreis in der Arena eher dringlicher macht als beantwortet.Als nämlich MC Max die Bühne betritt, hat er gleich sieben - statt der auf dem Promo-Foto gezeigten drei - Mitstreiter im Schlepptau, und seine ersten Worte sind "Ho! 1800 Leute beim Freundeskreis-Konzert in Berlin!", obwohl selbst bei wohlwollendster Schätzung kaum 800 in der schäbigsten Halle der Stadt auf ihn warten.Immerhin: Es gibt sie also wirklich, die neue HipHop-Hoffnung aus Stuttgart-West.Den ersten wirklich erfolgreichen Act aus dem Sony-Sublabel "Four Music".Seit der Single "Leg dein Ohr auf die Schiene der Geschichte" gelten sie als Meistertexter, der aktuelle Track "A-N-N-A" bringt ihnen gerade einen Sommerhit, und um ihr Debut-Album "Quadratur des Kreises" musiksoziologisch, ja geradezu -historisch einzuordnen, ziehen die Kritiker mindestens KRS One und A Tribe Called Quest heran. Live geht es aber natürlich nicht um Kritikerlob, sondern darum, ob beim Publikum das in Bewegung zu setzen, was die Proktologen den "Arsch" nennen.Also wurde der Freundeskreis für die Tour um eine Rhythmussektion verstärkt, die erstaunlich fette, ja geradezu Stuttgart-Westcoast-Beats aus ihren Instrumenten zu zaubern verstehen.Und um die CDU zu strecken, beginnen die drei Rapper bald mit allerlei "Say: Hey!", "Say: Ho!", "Ich will eure Arme sehen!", kurz: mit dem ganzen "Seidihralledasay: Jaa!"-Getue, das von jeher zum musiksoziologischen Grundwissen jeder Stimmungskanone zählt.Folgerichtig kommen die Menschen unter 18 - bei denen gerade markerschütternde Glockenhütchen die überteuerten Turnschuhe als Statussymbol abzulösen scheinen - mächtig ins Grooven.Und durch das, was sie in der Arena scherzhaft "Akustik" nennen, werden Textfetzen hörbar, in denen sich die Worte "Hiroshima" und "Meinhof" befinden sowie einige andere, mit denen sich ein Ruf als Meistertexter begründen läßt. Nach gut einer Stunde ist das CD-Material ausgeschöpft.Irgendwie ausgschöpft wirkt auch das Publikum.War das wirklich der Act gewesen, der den deutschen Rap aus den Fängen der Unerträglichen Vier befreien kann? Oder doch nur ein Haufen Jungs, deren Beats fast so gut sind wie die von den Jungs aus den USA? Deren Texte man für gesellschaftsanalytisch halten kann, solange man jung genug ist, einen Glockenhut zu tragen? Eine Art Backstreet Boys für Gymnasiastinnen, die ihre Freizeit in Tierrechts-Komitees zubringen? Schon wieder eine Menge Fragen.

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