Bechstein : Steine und Bäume

Chuck Leavell – Stones-Musiker, Freund des Waldes – besucht ein Berliner Pianogeschäft

Torsten Hampel

Chuck Leavell, 52 Jahre alt, stolzer Werber für Kettensägen von Stihl, betritt kurz nach halb sechs am Abend den Pianoladen; von den 27 Flügeln, die meisten schwarz, einer weiß, zwei braun, nimmt er erst einmal keine Notiz. Er redet gleich mit dem Prinzen.

Der Prinz ist Waldbesitzer und Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände, und Chuck Leavell ist auch Waldbesitzer. Er sagt, er liebt seinen Wald. Er ist an diesem Tag von Amerika nach Berlin gereist, 40 andere Leute sind ebenfalls in den Bechstein-Pianoladen im Einrichtungshaus Stilwerk an der Kantstraße gekommen, sie sind hier, um Leavell zuzuhören. Er will das Buch, das er geschrieben hat – ein Porträt des amerikanischen Waldes mit einem Epilog zur Forstwirtschaft in Europa – vorstellen und auf einem Flügel spielen. Am Nachmittag war er im Wald, im Fläming.

Im Hauptberuf ist Leavell Musiker, ein Rocker, seit über 20 Jahren spielt er das Keyboard auf Rolling-Stones-Schallplatten und bei deren Konzerten.

Die beiden gehen zusammen zu einem Podest, auf dem ein besonders großer Flügel steht. Leavell steht neben Michael Prinz zu Salm-Salm, einen Arm um ihn gelegt, und hört lächelnd zu. „1,2 Millionen Waldbauern sind glücklich, ein solches Produkt aus unserem Rohstoff erleben zu dürfen“, sagt Salm-Salm. Leavell sagt: „Es ist eine Ehre, mit solchen Instrumenten in einem Raum zu sein.“ Und: „Der Wald gibt uns so viel.“ Klaviere, Papier, Keith Richards’ Gitarren. Auf dem Schutzumschlag des Buches, Stapel davon liegen auf dem Tisch rechts neben Leavell, steht ein überlieferter Satz Mick Jaggers. „Wenn wir auf Tournee sind, spricht Chuck ständig von Bäumen…, das geht mir manchmal ganz schön auf die Nerven!“

Leavell setzt sich an den Flügel auf dem Podest, es ist das Modell D280, Herstellungsdauer 18 Monate, Lebensdauer 150 Jahre, Kostenpunkt 86400 Euro. D280 besteht aus mindestens zehn verschiedenen Holzarten. Es ist die einfache Ausführung mit Thermoplasttasten. Es gibt noch eine luxuriöse, mit Mammutelfenbein, sie steht im hinteren Teil des Ladens. Mammutelfenbein ist die Alternative zu Elefantenelfenbein, das für Klaviere schon lange nicht mehr verwandt werden darf. Mammutelfenbein ist eine Fossilie, es liegt in der Erde, seine Verwendung bedarf keiner Genehmigung. Auf jeder weißen Taste ist eine zweieinhalb Millimeter dicke Schicht davon. Der Rest ist Fichtenholz. Fichtenholz ist im Gegensatz zu Mammutelfenbein ein problematischer Rohstoff. In Sachsen zum Beispiel, wo die Bechstein-Flügel gebaut werden, stehen viele Fichten. Wäldern mit zu vielen Fichten geht es nicht gut. Es gibt einen Sinnspruch der Förster: Willst du einen Wald vernichten, pflanze Fichten, Fichten, Fichten.

Chuck Leavell spielt zwei Lieder auf dem Flügel, eines davon heißt „Georgia“, da kommt er her. Die Zuhörer klatschen, einer stellt dann leise eine Frage zu Mick Jagger, sie ist nicht vollständig zu verstehen. Leavell antwortet: „Er wiegt noch weniger als ich, er ist mager.“

Dann setzt er sich an den Tisch, nimmt ein Buch nach dem anderen vom Stapel und schreibt Widmungen. Ein Mann hält ihm das Pedal eines Elektropianos hin, Leavell malt ein Autogramm darauf.

Das Stilwerk ist ein Einrichtungshaus für Leute mit hohen Ansprüchen. Auf der vierten Etage, neben Bechstein, gibt es noch drei Küchenläden und einen für Bäder. In dessen Schaufenster ist das Badezimmermodell Moskau ausgestellt. Rotbrauner Marmor, vergoldeter Ab- und Überlauf an der Wanne, der Wasserhahn ist ein goldener Schwan. Allein der Waschtisch kostet 3750 Euro. Er ist aus Holz, aus welchem weiß der Verkäufer nicht.

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