Zeitung Heute : Bedrückende Schutzlosigkeit

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Die Willkür der Entführer im Fall Matthias Hintze macht Fassungslos.Jeder hätte Opfer dieser Tat hätte werden können.Die Indizien sprechen dafür, daß die Tat durch Prävention oder umsichtiges Verhalten kaum zu verhindern war.VON CHRISTOPH V.MARSCHALLKopf und Herz sträuben sich dagegen, dieses Ende als Realität zu begreifen.Im Fall Hintze übersteigt das Ausmaß der physischen wie der seelischen Brutalität das Maß dessen, was man ertragen kann.Die Eltern, die sich bis zuletzt an den Funken Hoffnung geklammert hatten, ihren Sohn lebend wiederzusehen, werden damit konfrontiert, daß er schon lange tot ist, die Verbrecher dem Freikauf also gar keine Chance gegeben haben.Die unmenschlichen Umstände des Sterbens durch Hunger, Durst und Kälte einsam in einem Erdloch verstärken die Fassungslosigkeit.In die Trauer mischt sich der Wunsch, nachträglich noch etwas zu retten.Man ist versucht, nach harten Strafen zu rufen und mehr Rechten für die Polizei - eine Versuchung, der manche in der Bundestagsdebatte um den Lauschangriff nachgaben.Doch da ist die Ahnung, ja Gewißheit, daß das im Fall Hintze nichts geholfen hätte - was das Gefühl der Ohnmacht nur verstärkt. Das ist das eigentlich Entsetzliche: Der Verdacht, daß jeder Opfer dieser Tat hätte werden können.Wenn die Indizien sich bestätigen, dann war Matthias Hintzes Schicksal durch Prävention oder umsichtiges Verhalten kaum zu verhindern.Er kam hinzu, als die Täter das Auto der Familie stehlen wollten; daraus wurde eine offenbar nicht geplante Entführung. Nun ist wieder von der Bedrohung durch "die Russen-Mafia" die Rede: ein unheimliches Wort, das diffuse Bedrohungs-Ängste auslöst.Niemand kann sagen, wie groß diese ist und wie stark organisiert.Gehören die beiden Russen überhaupt zu Banden oder sind es Kleinkriminelle auf eigene Faust? In den neuen Ländern und in Berlin ist das Risiko, Opfer dieser Gefahr zu werden, größer als in Westdeutschland: erstens wegen der geographischen Nähe.Und zweitens, weil einige der heute kriminellen ehemaligen Sowjetbürger früher als Soldaten in dieser Gegend waren - und andere osteuropäische Verbrecher als Asylsuchende, etwa Angehörige der sogenannten Rumänen-Banden oder Kosovo-Albaner, die einen Großteil des Rauschgifthandels kontrollieren.Angst macht auch die besondere Brutalität mancher Krimineller aus Osteuropa.Die Zeiten, da ein ertappter Einbrecher im Regelfall die Flucht ergriff, sind vorbei.Schon aus nichtigem Anlaß, schon bei geringen Werten wird Gewalt angewendet, zur Waffe gegriffen.Die rumänischen Tresorknacker schossen sich rücksichtslos den Fluchtweg frei, auch wenn es nur um 15 000 Mark ging.Hier ist eine neue Qualität des Verbrechens erreicht.Daß seine Strukturen nicht klar sind, vergrößert die Verunsicherung noch. Doch vage Bedrohungsgefühle sind ein schlechter Ratgeber.Die Kriminalitätsbekämpfung muß sich auf die neue Gefahr einstellen.Ermittler mit osteuropäischen Sprachkenntnissen sind dabei vermutlich eine größere Hilfe als schärfere Strafen und technische Ausrüstung.Außerdem muß die Kooperation mit den Nachbarn im Osten weiter ausgebaut werden.Wieviel Polen, Tschechien, Ungarn, auch Rumänien und Bulgarien zur Vermeidung von Verbrechen in Deutschland beitragen, ist wenig bekannt.Mit ihnen hat die Bundesrepublik in den jüngsten Jahren nicht nur Abkommen über die Rückführung abgelehnter Asylbewerber geschlossen, sondern auch über Zusammenarbeit bei der Inneren Sicherheit, hat ihnen bei Aufbau und moderner Ausrüstung von Grenztruppen und Polizei geholfen.Ins Bewußtsein dringen freilich nur die hier verübten Verbrechen, nicht aber, wieviele Straftäter bereits auf dem Weg hierher von den neuen Partnern abgefangen werden.Absolute Sicherheit wird es nicht geben, Abschottung ist im neuen Europa weder wünschenswert noch möglich.Im Moment bleibt nur die Trauer.

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