Zeitung Heute : Beeindruckend ­ aber niemand macht mit

WOLFGANG J.KOSCHNICK

Das grandiose Scheitern des interaktiven Fernsehens: Beispiele aus den USA und Spanien VON WOLFGANG J.KOSCHNICK­Seit vielen Jahren schwärmen die Auguren innovativer Technologien von einem ganz und gar neuen Medium: dem interaktiven Fernsehen.Dabei sollen die Zuschauer nicht mehr passive Glotzer, sondern aktive Gestalter dessen sein, was sie anschauen; ihre eigenen Programmdirektoren gewissermaßen.Denn interaktives Fernsehen ist ein Fernseh- und Videoservice, bei dem die Zuschauer die Möglichkeit haben, über einen Rückkanal direkt auf ein Programm- oder Werbeangebot auf dem Bildschirm zu reagieren. Doch wo immer interaktives Fernsehen bisher getestet wurde, ist es geradezu mit Pauken und Trompeten gescheitert.Alle Anzeichen sprechen dafür, daß eine der Hauptattraktionen des traditionellen Fernsehens --für das Publikum wenigstens-- in der Möglichkeit besteht, sich berieseln zu lassen.Das letzte großangelegte Versuchsprojekt mit dem interaktiven Fernsehen scheiterte dieser Tage in den USA.Dort hatte der weltweit größte Medienkonzern Time Warner vor drei Jahren in einem Vorort von Orlando, Florida, das interaktive Full Service Network (FSN) auf die Rampe geschoben.Das System bot allein 500 Kanäle, davon 100 für Spielfilme.Alles war für die Nutzer in 4000 Haushalten Orlandos per Knopfdruck auf der Fernbedienung möglich: die elektronische Zeitung, Banküberweisungen oder auch die ofenfrische Pizza.Selbst Telefongespräche liefen über das Kabelnetz.Im einzelnen gab es für die Nutzer des Full Service Network: Video nach Wahl, Nachrichten und Sportsendungen nach eigener Wahl, Videospiele, Homeshopping, Bildungsservice und Fernstudium, öffentliche Dienstleistungen, Telemedizin, Videokonferenzen, mobile Telefone, Bank- und Finanzdienstleistungen und sogar Druckaufträge. Doch die Chose funktionierte von Anfang an nicht.Es gab alle möglichen technischen Probleme.Doch vor allem mangelte es an einem: dem Zuschauerinteresse.Die Manager von Time Warner, die runde 100 Millionen Dollar für das aufwendige Projekt zum Fenster hinausgeworfen hatten, trösteten sich einstweilen noch damit, das Pilotprojekt sei an den Kinderkrankheiten der neuen Technologie gescheitert.Man müsse also nur die Technologie vereinfachen.Reiner Selbstbetrug.Inzwischen kann die Welt auf mehr als ein Vierteljahrhundert intensiver Pilotprojekte mit interaktivem Fernsehen zurückblicken.Jeder einzelne Versuch ist geradezu großartig in die Hose gegangen.Und jeder Versuch ist am selben Stolperstein gescheitert: Das Publikum zeigt beim Fernsehen keinerlei Interesse an interaktiver Kommunikation.Fernsehen ist ein klassisches Unterhaltungsmedium: Auf dem Bildschirm läuft die Unterhaltung ab, und davor versammelt sich das Publikum, das sich bedienen lassen möchte.Punctum. Das früheste und spektakulärste Kabelfernseh-Experiment mit interaktivem Fernsehen war "Qube" in der amerikanischen Stadt Columbus, Ohio.Das "Qube"-Experiment begann im Dezember 1977 mit einigen tausend Haushalten in einem Stadtteil von Columbus mit einem reichhaltigen Angebot an Programmen und Dienstleistungen.Auf dem Höhepunkt hingen zwischen 50 000 und 60 000 Haushalte am "Qube"-Kabelnetz.Zusätzlich zählte man noch einmal etwa 300 000 Abonnenten in den Großstädten Cincinnati, Pittsburgh, Dallas, Houston und in den Vorstädten von St.Louis und Chicago.Gelegentlich wurden diese lokalen "Qube"-Netze via Satellit zu einem eigenständigen Kabelnetz verbunden, so etwa noch 1983, als die Zuschauer auf dem Rückkanal ihre Meinung zur Sensationssendung "The Day After" (über den Atomkrieg) der Zentrale in Columbus mitteilen konnten.Die Abonennten konnten mittels des Fernbedienung in Programme eingreifen, kritisieren, sich bei Auktionen beteiligen oder an Gemeinschaftsspielen teilnehmen.Die Beteiligungsbereitschaft der "Qube"-Abonnenten blieb jedoch weit hinter den Erwartungen zurück und 1985 scheiterte das Experiment. Auch in Spanien ging ein Versuch mit dem interaktiven Fernsehen erst vor zwei Jahren daneben.Dort bot seit Anfang 1993 die staatliche Rundfunkanstalt Televisión Española (TVE) unter der Bezeichnung "Televisión Interactiva (TVI)" das von ISI entwickelte amerikanische System an, das es den Zuschauern ermöglicht, in Gameshows Preise zu gewinnen, an Verlosungen, Meinungsumfragen und Bildungsprogrammen teilzunehmen, Informationen abzufragen, den Kontostand zu überprüfen oder Theaterkarten zu kaufen.Kommerziellen Nutzern bot es erweiterte Verkaufs- und Werbemöglichkeiten.Es zeigte sich: Das interaktive System ist eindrucksvoll und bietet ungeahnte Möglichkeiten.Die Bandbreite der interaktiven Fernseh- und Video-Services, die um die Mitte der 90er Jahre möglich sind, reicht von Pay-per-View-Bestellungen über Video-Spiele und Teleshopping bis zur Erschließung neuer Dimensionen in der zwischenmenschlichen Kommunikation.Aber die Zuschauer scheinen einfach keine Lust zu haben, diese Möglichkeiten auszuschöpfen.

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