Zeitung Heute : Befrage die allwissende Muschel

DEUTSCHE OPER Ricarda Merbeth singt die Titelrolle in der Strauss-Oper „Die Ägyptische Helena“

UWE FRIEDRICHD
246027_0_fecba0a5.jpeg

Die Prophetin Aithra befragt gleich zu Beginn der Oper „Die Ägyptische Helena“ ihre „allwissende Muschel“, und die verrät ihr, dass Menelaus auf einem Schiff seine untreue Gattin Helena ermorden will. Das klingt komisch und war ursprünglich von Richard Strauss auch so gemeint. Sein Librettist Hugo von Hofmannsthal lieferte allerdings einen mythenschweren, arg bildungsbürgerlichen Text, so dass aus dem Operettenplan des Garmischer Komponisten nichts wurde und er stattdessen einen „griechischen Wagner“ für großes Orchester schrieb. Da ist es nur folgerichtig, dass die Sopranistin Ricarda Merbeth sich an die Titelrolle der „Ägyptischen Helena" wagt. Schließlich hat sie über mehrere Jahre in Bayreuth die Elisabeth im „Tannhäuser“ unter Christian Thielemann gesungen und hatte als Elsa im „Lohengrin“ weltweit großen Erfolg. In den letzten Jahren kamen nach und nach auch die großen Strauss-Partien hinzu: Daphne, Chrysothemis, Marschallin, Salome. „Diese Rollen mit ihren weitgespannten Linien kommen mir sehr entgegen. Die Frauenrollen in den Opern von Richard Strauss sind miteinander verwandt, auch wenn sie sehr unterschiedlich sind. In der Arbeit mit dem Regisseur finde ich dann einen Weg, die Rolle zu charakterisieren. Marco Arturo Marelli liebt das Stück und kennt die Musik genau. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Ebenso wie von den Sängern erwartet wird, dass sie ihre Rollen bei Probenbeginn genau einstudiert haben, erwartet Ricarda Merbeth von einem Regisseur, dass er nicht erst auf der ersten Probe ins Textbuch schaut und dann improvisiert. „Gerade bei meinen Strauss-Rollen habe ich bisher allerdings großes Glück gehabt. Wenn ein Regisseur gegen die Musik inszeniert, kann das einen Sänger von den eigenen Gefühlen ablenken. Dann wird es schwierig.“

Für das Publikum stehe sie auf der Bühne, betont die Sängerin bemerkenswert ernsthaft, nicht zur bloßen Selbstverwirklichung oder um die vermeintlich originellen Ideen eines Produktionsteams umzusetzen. „Ich fühle das Publikum im Saal, ich spüre seine Resonanzen auf der Bühne. Das ist ein wunderschönes Geben und Nehmen.“ Dabei bleibt Ricarda Merbeth eine sehr selbstkritische Künstlerin, die nur selten mit sich selber zufrieden ist. „Das kommt aber in letzter Zeit öfter vor“, lacht sie laut. „Ich habe immer wieder mit sehr guten Dirigenten, Sängerkollegen und Regisseuren gearbeitet. Da steigen auch meine Ansprüche an mich selbst. Singen ist ein lebenslanges Suchen, immer mit Hoffnung auf Perfektion. In diesem Beruf darf man keine negativen Gedanken aufkommen lassen, um aus dem Geschenk der Stimme das Beste zu machen.“

Die Rolle des Dirigenten kann dabei gar nicht hoch genug bewertet werden, und so wünscht sie sich vor allem Dirigenten, die ihr sehend zuhören: „Gute Dirigenten merken, wenn ein Sänger etwas mehr Zeit für eine Phrase benötigt oder in einer Passage ein schnelleres Tempo braucht. Auch hier hatte ich immer wieder großes Glück. Wir wollen ja schließlich auch gemeinsam musizieren.“

Auch wenn die Proben und Aufführungen noch so gut laufen, ist das Sängerleben längst nicht so glamourös, wie sich das mancher Fan vorstellt. Auch im besten Hotel ist man nicht zu Hause, während der Probenphase ist jede Sängerin allein in einer fremden Stadt. Dennoch hat Ricarda Merbeth nie daran gezweifelt, dass dies der richtige Beruf für sie ist. „Ich habe angenommen, was mir geschenkt wurde“, sagt die Sopranistin, die seit frühester Kindheit tief in ihrem Glauben verwurzelt ist und Kraft und Ruhe aus der Gewissheit zieht, geliebt zu werden. „Mir ist sehr bewusst, dass nichts im Leben selbstverständlich ist. Als Sängerin muss man sich in einer Balance befinden, um seelisch und körperlich gesund zu bleiben, vor allem stimmlich. Ich liebe diesen Beruf. Häufig in Hotels zu leben, gehört einfach dazu. Wenn dann der Vorhang aufgeht und die Musik in ihrer Größe zu strömen beginnt – das ist ein großartiges Gefühl.“

UWE FRIEDRICH

Premiere 18.1., 18 Uhr

Weitere Vorstellungen 22. u. 30.1., jeweils 19.30 Uhr

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben