Zeitung Heute : Befreiung in Zeitlupe

Erst wenn ihr Mann zu Hause in Detmold ist, sagt Petra Bracht, kann sie jubeln. Die Angehörigen mussten auch am Montag noch lange warten, bis die frohe Botschaft bestätigt wurde: Die Geiseln sind frei. Das hatte es am Abend zuvor schon mal geheißen – irrtümlich. Chronologie eines Dramas.

Christoph von Marschall

Das Warten will auch am Montag kein Ende nehmen. Die Kinder und Ehepartner der Geiseln sitzen in ihren Häusern in Detmold, in Braunschweig und Augsburg und fragen sich, wann sie ihre Liebsten wiedersehen werden. Die Freilassung verzögert sich immer weiter, und obwohl gemeldet wird, die Geiseln seien bereits in der Hand der Vermittler, wollen sich die Angehörigen nicht dem Glauben hingeben, das Drama sei zu Ende. Schon einmal, am 19. Mai hieß es: Alle sind frei. Doch 15 Geiseln blieben weiter in der Hand der Entführer, eine davon ist inzwischen tot.

Erst am späten Montag Abend bestätigt das Auswärtige Amt doch noch die frohe Botschaft. Am Dienstag sollen sie nach Köln abfliegen.

Christian Schuster wartet in Augsburg, dass seine Mutter Erna, 62, und sein Vater Kurt, 64, nach Hause kommen. Sobald sie auf dem Weg nach Deutschland sind, wird das Landeskriminalamt die Familien nach Köln bringen. Petra Bracht sitzt in Detmold und wartet auf ihren Mann Rainer. „Erst wenn alles zu Ende ist und die Geiseln heil zu Hause angekommen sind, werde ich jubeln“, sagt sie. Auf die Frage, ob sie schon ein Lebenszeichen ihres Mannes bekommen hat, will sie keine Antwort geben, doch ihre Stimme klingt freundlich gelöst, als habe sie die begründete Hoffnung auf ein schnelles Ende der Geiselnahme. Am 5. Juli hatten sich alle Angehörigen getroffen und vereinbart, keine Informationen mehr an die Presse zu geben.

Die Welt, in der die Entführten seit fast sechs Monaten leben, ist weit entfernt von der deutschen Realität. Der Krisenstab in Berlin wusste meist, wo sie sich ungefähr aufhielten. Es gab Telefonkontakte zu den Entführern, „um in Verbindung zu bleiben und sich nach dem Befinden zu erkundigen“. Aber in wie viele Gruppen sie aufgeteilt sind, ist unklar. „Die packen ihre Zelte ein und ziehen weiter, um nicht geortet zu werden.“

Auch am Sonntag und Montag, als alle auf das gute Ende warten, ist eine sorgfältige Trennung, was gesichertes Wissen ist und was Gerücht, manchmal schwer. Der Weg zurück in die Zivilisation führt über mehrere Etappen und nicht in jede haben die Reporter so viel Einblick, wie sie vorgeben. Auf dem Flugplatz von Tessalit wartet die malische Antonov, die die Entführten nach Gao transportieren soll. In Gao steht inzwischen eine deutsche Transall, die sie, so der Plan, in die Hauptstadt Bamako bringt, wo sie in einen Airbus der Bundesregierung steigen, der sie nach Köln fliegt.

Schon am Sonntagabend wartet man in Tessalit auf die Geiseln. Gleich vor der Stadt beginnt unübersichtliches, unwegsames Gelände. Schotterpisten, Staub, Geröll und Berge. Von da draußen müssen sie nach und nach kommen, wenn die Entführer sich an die Absprache halten, einzelne Geiselgrüppchen sind vielleicht mehr als hundert Kilometer entfernt, das kann Stunden dauern. Die malische Regierung darf das glückliche Ende erst vermelden, wenn alle 14 wohlbehalten eingetroffen sind, die Deutschen können das erst bestätigen, wenn einer ihrer Vertreter sich persönlich davon überzeugt hat, das ist eventuell erst in der Stadt Gao möglich.

Dann startet am Sonntagabend die Antonov vom holprigen Platz in Tessalit – woraus einige voreilig schließen: Mission erfüllt. Doch es ist ganz anders. Das ärmliche Flugfeld in Tessalit hat nachts keine Beleuchtung. Die Maschine soll vor Einbruch der Dunkelheit raus – auch wenn keine Geisel an Bord ist. Sie kann ja Montag wiederkommen.

Es passt zu diesem Krimi, dass die Medien bis zum Schluss Teil der Geschichte sind und ihren Verlauf beeinflussen, ob sie das wollen oder nicht. Die Geiseln sind frei – diese ZDFMeldung war bereits am Sonntag kurz nach 19 Uhr in alle Welt gegangen. Die Bundesregierung spricht von einer Falschmeldung.

In dem Wettlauf, welches Medium als erstes die Freilassung melden kann, glaubte sich das ZDF ganz vorne. Die „heute“-Nachrichten berichteten, die Sahara-Touristen säßen in einem Flugzeug, das sie aus dem Norden ausfliegt. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sagt dem Tagesspiegel am Montag, das ZDF habe eine richtige und eine falsche Meldung verbreitet: „Richtig und von drei unabhängigen Quellen bestätigt war unsere Meldung, dass sich die Geiseln nicht mehr in der Hand der Geiselnehmer befanden, wenn auch noch nicht in der Obhut der deutschen Behörden, sondern in der Hand von Mittelsmännern.“ Als Schluss erschien dem ZDF dann logisch, „dass sich die Geiseln in der Maschine befanden.“ Das war falsch.

Das Geiseldrama offenbart ein kompliziertes Zusammenspiel von Druckmechanismen zwischen der Bundesregierung, den Angehörigen der Entführten, den Kidnappern und den Medien. Als zum Beispiel der „Spiegel“ vor Wochen berichtete, die deutschen Behörden hörten den Funkverkehr der Entführer ab, wurden diese Gespräche abgebrochen. Umgekehrt haben die Medien der Region Einfluss auf das Geschehen in Deutschland. Wenn die arabische Zeitung „Al Watan“ berichtet, Geiseln seien schwer erkrankt, ist das bald darauf in deutschen Blättern zu lesen. Woraufhin die Angehörigen sich besorgt an den Krisenstab wenden oder gar öffentlich den Vorwurf erheben, die Regierung tue zu wenig, um die Verschleppten zu retten.

Es ist eine Situation, die an den Nerven zerrt, auch an denen der Profis im Krisenstab. „Das ist doch von vorne bis hinten gelogen“, empört sich da ein sonst zurückhaltender Spitzendiplomat über angebliche Lösegeldforderungen. Und vermutet, dass sich ein Teil der Journaille ihre Berichte „an der Hotelbar zusammenreimt“. Andere Regierungsvertreter ziehen zornig Lehren aus dem Geiseldrama, die manchen Bürger provozieren dürften. Die Deutschen müssten begreifen, dass die Welt sich verändert habe, dass Schluss sein müsse mit dem sorglosen Reisen in jede Weltgegend. „Der Staat ist keine Vollkaskoversicherung, die jeden rausholt oder freikauft, der sich in Gefahr begibt.“

Die Angehörigen betreut die Regierung in regelmäßigen Hintergrundgesprächen, sie erklärt, was man wisse, was nur vermute, welche Lösungswege in Frage kommen. Den Familien der Geiseln wird nahegelegt, nicht mit den Medien zu reden, weil die Nachrichtensperre ein entscheidender Pfeiler aller Rettungsversuche sei. Im Großen und Ganzen gelingt das. Nur als die erste Gruppe am 13. Mai in Algerien gewaltsam befreit wird, dringen doch Details der Haftbedingungen an die Öffentlichkeit. Oder als am 29. Juli bekannt wird, dass die 46-jährige Michaela Spitzer, Mutter von zwei Kindern aus Augsburg, seit Tagen tot ist – gestorben an den Strapazen auf dem Weg von Algerien nach Mali. Da erheben erst ihr Vater und später ihr früherer Ehemann schwere Vorwürfe, die Bundesregierung agiere zu zurückhaltend. Angehörige anderer Geiseln sagen dagegen, das Auswärtige Amt mache „eine prima Arbeit“.

Anfang März waren die ersten elf Touristen vermisst gemeldet worden, Ende Februar hat es die letzten Kontakte zu ihnen gegeben. Dann verschwinden weitere Gruppen, nicht nur deutsche. Mitte April gelten 32 Urlauber als vermisst: 16 Deutsche, zehn Österreicher, vier Schweizer, ein Niederländer und ein Schwede. Das Auswärtige Amt richtet einen Krisenstab ein mit Experten für die Region und die Gruppe der mutmaßlichen Entführer, algerische Islamisten der „Salafiyya-Gruppe für die Mission und den Kampf“, die GSPC (nach den französischen Anfangsbuchstaben des Namens).

Regierungsvertreter reisen mehrfach nach Algerien. Mitte Juli wechseln die Entführer über die Grenze nach Mali – nachdem Algerien ihnen freien Abzug garantiert haben soll. Es dauert, bis der Krisenstab sich ein Bild von den Entführern machen kann. Und manches bleibt widersprüchlich. Wenn die GSPC politische Ziele hat, warum tauchen in den Gesprächen nie politische Forderungen auf? Ende Juli, Anfang August ist nur noch von „gewöhnlichen Kriminellen“ die Rede, die es „auf Geld abgesehen“ haben.

Staatssekretär Jürgen Chrobog fliegt am 22. Juli erstmals in die malische Hauptstadt Bamako. Tuareg-Nomaden haben ihre Vermittlung angeboten. Später stößt auf Geheiß des malischen Präsidenten Amadou Toumani Touré der Gouverneur der Nordprovinz hinzu. Nach neuen Gesprächen am vergangenen Donnerstag in Bamako äußert Chrobog öffentlich „die Zuversicht, dass wir schon bald eine Lösung erreichen“. Am Sonntag hat es nicht geklappt, am Montag lange auch nicht. Erst am Abend gilt die Rettung als sicher. In der Wüste hat man Zeit.

Mitarbeit: Joachim Huber, Annabel Wahba

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