Zeitung Heute : Begegnungen...: wie gefährlich es ist, mit dem Schah Ski zu fahren

Hellmuth Karasek erzählt jeden Sonntag von ei

Skifahren war ich nie, aber auch nie, aus reiner Liebe zum Skifahren, sondern immer nur aus Liebe zu einer Frau, einer Freundin, weil die Familie hinfuhr oder die Klasse auf Ski-Reise ging. Das lag daran, dass mein Vater ein Ski-Ass war (er nahm auch an Langlaufrennen teil) und dass er, als er mir das Skifahren hätte beibringen können, "in Russland" war, als Soldat, und die meisten Skier (damals noch mit Kandahar-Bindung) waren auch in Russland, als Winterhilfsspende für die deutschen Soldaten, die vom bitterkalten Winter 1941 böse überrascht wurden (das Verwundetenabzeichen hieß damals "Gefrierfleischorden").

Wenn ich in luxuriösen Zeiten zum Skifahren in die Berge fuhr, also zum Beispiel 1979 mit meiner damaligen Freundin und heutigen Frau nach St. Moritz, dann war der Morgen immer grauenvoll, wenn man sich in die schweren Skischuhe quälte, mit ihnen losstapfte, unter dem Anorak in der Märzsonne schwitzte, die Bretter, die man geschultert hatte, in das Schlüsselbein schnitten, die Skistöcke - die meine Freundin als Berlinerin "Stöcker" nannte - sich sperrig verhedderten und ich voll mit dumpfer Angst bibbernd in der Schlange auf die Seilbahn und den Sessellift wartete, um dann... schön wurde es erst um fünf Uhr nachmittags, beim Tee, wenn der Schmerz nachließ und man an den Nebentischen im Hotel den Heldengeschichten von der Piste lauschte: Eines war sicher, ich gehörte nicht zu diesen Helden.

Einmal war am Morgen schlechtes Wetter, und wir, meine spätere Frau, ich und Rudolf Augstein sowie sein Skilehrer, der Helmut hieß und den wir, damit ich und er nicht verwechselt wurden (beim Skifahren!) "Heli" riefen - Skifahrer duzen sich, wie alle Brüder in Gefahr - fuhren dennoch gegen Mittag zum Korvatsch hoch, die Pisten waren vereist und wir fuhren eine schmale Nebenspur. Auf einmal kam ich höllisch in Fahrt, jedenfalls für meine Verhältnisse, fuhr "im Schuss" allen voraus, bekam das Flattern und schon lag ich im Schnee, ohne dass der linke Ski abging.

Ich wurde dann mit dem Hubschrauber von der Piste geholt, was ich sehr spektakulär fand, und als ich im Krankenhaus Samaden den Befund erhielt, der linke Oberschenkel sei mehrfach gebrochen, war ich zunächst erleichtert, dass der Hubschraubereinsatz nicht übertrieben gewesen war.

Ich bin dann ein Jahr an Krücken gehumpelt und habe mir für über 20 Jahre das Rauchen abgewöhnt - Skifahren ist doch gesund, wenn auch auf Umwegen. Und Rudolf Augstein hat mir später zum Trost eine Geschichte erzählt, wie auch er am Korvatsch gestürzt sei, aber er, um nicht erschossen zu werden. Und das kam so..., also verdanke ich die folgende Geschichte meinem Unfall.

Einmal also fuhr Augstein auf den Korvatsch, und das war zu Zeiten, als Reza Pahlawi, der Schah von Persien, nicht nur noch lebte, sondern auch noch Schah von Persien war. Und er hatte in St. Moritz eine prächtige Villa und war da mit seinen Frauen, den Regenbogenpresse-Kaiserinnen, erst Soraya und dann Farah Diba...

Augstein fuhr, wie ich, allein Schuss, allen davon und merkte, wie er immer schneller wurde, immer schneller. Und auf der Piste kein Halt, keine Hilfe. Nur ein einsamer Mann, auf den fuhr Augstein los, um ihn bremsend wie einen Baum zu umarmen, und als er näher kam und immer näher, bemerkte er wie aus den Baumbeständen am Rand der Piste Männer auf Skiern herausschossen, und die hatten Maschinenpistolen in den Händen und die rissen sie hoch, als Augstein sich dem Einsamen auf der Piste näherte. Das war nämlich der Schah und seine Leibwächter dachten, der Kamikaze-Fahrer Augstein sei ein Attentäter. Und als Augstein die Situation blitzschnell durchschaute, warf er sich todesmutig in den Schnee, und im Unterschied zu mir hat er sich dabei nicht einmal ein Bein gebrochen.

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