Zeitung Heute : Begegnungen: wie ich einmal mit Walser eine Wäscherin rettete

Hellmuth Karasek

Im Frühjahr 1963 fuhren der Regisseur Peter Palitzsch und ich in seinem Karmann-Ghia-VW von Stuttgart nach Friedrichshafen an den Bodensee, um Martin Walser zu besuchen. Palitzsch, damals im Hauptberuf abtrünniger Brecht-Schüler (der Mauerbau hatte ihn beim Inszenieren im Westen überrascht, und er war nicht in die DDR zurückgekehrt, wo er Dramaturg und einer der Testamentsvollstrecker des legendären B.B. am Berliner Ensemble, dem "BE", war, und dafür im Osten in Acht und Bann geraten) war ein scharfsinnig analytischer Theatermann, schlank und lang, mit chinesisch weisem Lächeln, dessen Lieblingsbeschäftigung die damals viel geübte "Dialektik" war. Er sprach mit sächsischem Akzent und verwechselte Fremdwörter, sagte "prostituieren" statt "protestieren" oder so ähnlich.

Walser hatte damals eine Parabel über den Kapitalismus geschrieben. "Überlegensgroß Herr Krott" hieß sie und war einen Mischung aus Brecht und absurdem Theater à la Beckett. Ein alter fetter Kapitalist (der unvergleichliche Hans Mahnke sollte ihn später spielen) lag fast bewegungsunfähig in den Bergen, tyrannisierte seine Frau, schäkerte mit seiner Schwägerin und beherrschte müde und in witzigen Aperçus die Welt: Dieses Stück wollten wir in Stuttgart an den Württembergischen Staatstheatern uraufführen.

Der damals vor Lebenslust übersprudelnde Martin Walser wohnte mit seiner Familie, wenn ich mich recht erinnere, in einer düsteren Altbauwohnung. Er begrüßte uns herzlich und fragte, ob er uns auch noch ein ganz anderes Stück als den "Krott" vorlesen dürfe, nämlich die "Zimmerschlacht".

Die Komödie, die als lustige Farce auf den Spuren des damaligen Superhits, Albees "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", wandelt, handelt von einem Ehepaar, dessen Mann das Wasser im Mund zusammenläuft und der vor Neid grün ist, weil sein bester Freund sich traut, seine Frau für eine viel Jüngere zu verlassen. (Walsers bester Freund in München hatte sich kurz vorher im richtigen Leben dasselbe getraut). Walser las uns den dialogwitzigen Einakter vor. Und als seine Frau Käthe hereinkam, sagte er, das Stück handle zwar von einer Ehe, aber nicht von seiner und ihrer. Da Frau Walser das Stück vorher mit der Schreibmaschine von Walsers Manuskript abgeschrieben hatte, war dieser Satz wohl mehr an mich und Palitzsch als an Frau Walser gerichtet.

Wir hörten Walser, der zu allem Überfluss noch ein glänzender Vorleser ist, amüsiert zu und sagten dann aber, dass wir den "Krott" vorzögen, er sei "politischer", die "Zimmerschlacht" privater - so war man damals. Der greise Kortner sollte das Stück 1967 dann an den Münchner Kammerspielen uraufführen (mit einem zweiten Teil über das inzwischen uralte Ehepaar, den er sich "privat" von Walser dazuschreiben ließ) . Die Zimmerschlacht wurde Walsers erfolgreichstes Theaterstück und Fernsehspiel.

Bei den Stuttgarter Proben zum "Krott" - neben Mahnke spielten noch zwei so großartige Schauspielerinnen wie Mila Kopp und Edith Heerdegen sowie der berühmte Schweyk-Komiker Hanns Ernst Jäger - waren Walser, Palitzsch und ich von morgens bis abends zusammen. Ich erinnere mich, wie Walser eines Nachts in der Unterführung zum Bahnhof einen kräftigen Bauarbeiter, mit Schlapphut auf der Walz, im Fingerhakeln besiegte. Und wie er ärgerlich war und spöttisch wurde, wenn Palitzsch zu ehrfurchtsvoll vom kanonisierten Brecht erzählte.

Am Abend des 22. November 1963 saßen wir im Landtagsrestaurant in Sichtweite des Opernhauses. Es war wenige Tage vor der Uraufführung. Plötzlich gingen in dem Lokal Lautsprecher an, was sehr ungewöhnlich war. Wir saßen bei Zwiebelrostbraten und Trollinger, als wir hörten, dass John F. Kennedy in Dallas einem Attentat zum Opfer gefallen sei.

Die Nachricht sickerte mit Verzögerung in unsere Köpfe. Erst als die Oper ihr Publikum in den Abend entließ (man hatte die Vorstellung abgebrochen) wurde uns klar, was geschehen war. Walser ließ Messer und Gabel fallen: Um Gottes Willen, in meinem Stück erschießt Krott aus Versehen eine Wäscherin, die er für einen Vogel hält, und das Publikum soll darüber auch noch lachen. Wir alle waren uns einig, dass das im Moment nicht ginge. Wir haben die Premiere um über einen Monat verschoben.

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