Zeitung Heute : Begegnungen: Wie ich Stan Getz hinter der Bühne besuchte

Hellmuth Karasek erzählt jeden Sonntag von ei

Meine Jazz-Herren in den 60er Jahren hießen Jerry Mulligan, Charlie Parker und Stan Getz (das Saxophon, das Instrument des Cool Jazz und BeBop, war damals mein Lieblingsinstrument). Und Chet Baker, dessen gestopfte Trompete und krächzende Stimme ("My funny Valentine") mich in später nächtlicher Einsamkeit zu Tränen rührte. "Warum kannst du nicht schlafen?", fragte meine Frau, während ich am Braun-Plattenspieler der Zeile "You make me cry with my heart" lauschte. Ja, warum nicht?

1967 putschten sich in Griechenland "die Obristen", sie hießen Pattakos und Papadopoulos (erinnert sich noch jemand?) an die Macht, und wir Theaterkritiker, die wir gern zu antiken Theater- und Festspielen nach Athen fuhren, überlegten: Kann man da noch hinfahren? Wie wir später, während des Vietnam-Krieges überlegt haben: Darf man auf Ibiza noch Coca Cola trinken? Oder während der französischen Atomversuche in der Südsee fragten: Darf man noch Champagner kaufen? Aber Spaß beiseite, ich fuhr weiter nach Athen, weil ich die Akropolis wiedersehen wollte und das Amphitheater in Epidauros, wo, in den heiligen Hainen des Asklepios, das besterhaltene aller griechischen Theater steht. Ich erinnere mich noch an eine "Medea". Und an die herrliche Akustik. Wenn man im weiten Theaterrund ein Streichholz anzündete, konnte man das Zischen überall in der Arena hören.

Die Obristen waren also an der Macht und hatten die Demokratie in Griechenland außer Kraft gesetzt (was immer das bedeuten sollte). Aus Trotz und Widerstand hörten wir abends bei Retsina die Musik von Mikis Theodorakis (De-dé-dadadada-Dé), unsere griechischen Freunde und wir tanzten Sirtaki in bunter Reihe, die Beine immer wilder nach vorne schmeißend. Und am Schluss zerdepperten wir, voll des herrlichen Ouzo und vom Vollmond berauscht, Keramikteller, die wir in übermütiger Freude auf den Boden warfen. Klirr! Klirr!, das war damals von den Obristen strikt verboten und machte deshalb Spaß. Man kam sich wie ein Widerständler vor: Nieder mit Papadopoulos!

Eines Abends, also in einer späten lauen Nacht, war nach einer Theateraufführung in dem relativ kleinen Amphitheater unter der Akropolis ein Konzert - am halben Fuße des Berges, auf der Agora, dem sagenumwobenen Marktplatz des antiken Athen, der Wiege der abendländischen Demokratie. In einer der im hellen Marmor rekonstruierten Säulenhallen, wo man auf kühlen Steinen in der warmen Abendluft saß.

Und es gab ein Konzert mit Stan Getz. Mein Lieblingssaxophonist! Polnischer Herkunft und in Philadelphia geboren, war er damals etwa 40 Jahre alt und stand auf dem Gipfel seines internationalen Ruhms. Nicht nur, dass er einer der swingensten und musikalischsten Saxophonspieler einer Saxophon-besessenen Zeit war - es waren die Brunstschreie des Saxophons, die der Zeit ihren erotisch-sexuellen

Sound gaben - nein, er hatte auch gerade den Bossa Nova, wenn nicht erfunden, so doch populär gemacht und Stücke wie "Desafinado" oder "The Girl from Ipanema" gaben den Zeitton an, die unwiderstehlich aufreizende Mischung zwischen brasilianischen Rhythmen und Swingläufen, geheult von einem röhrenden Saxophon!

Ich stand (oder saß?) in der Agora, zwei oder drei Reihen vor mir stand (oder saß?) eine geradezu unwiderstehlich schöne blonde Frau, die, während ich Stan Getz hörte und sah, wie er die Nacht mit seinem Saxophon bearbeitete, mit dem Körper mitwippte. Und die bemerkte, dass ich sie ansah, und so drehte sie sich während der Pausen zwischen den Musikstücken um und musste grinsen, weil ich sie ansah...

Es war ein hinreißendes Konzert, und als es nach Mitternacht zu Ende war, klatschten alle und gingen dann auseinander in die warme Nacht. Zu mir kam dann einer der Festival-Offiziellen und fragte mich, ob ich noch Lust hätte, Stan Getz zu sehen. Und so besuchte ich ihn in seiner Garderobe, wo er schwitzend und erschöpft saß, dunkelblond, eckig, sehr "polnisch" aussehend, wenn ich mich recht erinnere.

Ich bedankte mich und machte dem Erschöpften, der mit kräftigen Schlucken Bier trank, Komplimente. Plötzlich war da die wunderschöne Blondine von der Agora. Getz stellte sie mir als seine Frau (seine Freundin?) vor. Und ich hatte, während sie mich anlächelte, einen Augenblick ein schlechtes Gewissen, weil ich mehr zu ihr gesehen als auf seine Musik gehört hatte. Teilweise!

Und dann waren wir noch, eine kleine Gruppe, irgendwo Wein und Bier trinken.

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