Zeitung Heute : Begegnungen: Wie Kevin Costner einmal kleiner war, als ich gedacht hatte

Hellmuth Karasek erzählt jeden Sonntag von ei

Eines Morgens im Jahr 1992 trat ich ins Badezimmer, in dem meine Frau schon duschte, und wollte mir die Zähne putzen. Man muss beim Wasserhahnaufdrehen übrigens höllisch aufpassen, weil man sonst seine duschende Frau entweder furchtbar verbrüht oder ihr einen Kaltwasserschock über den Körper jagt.

Ich hatte gerade in der Zeitung gelesen, dass Mia Farrow bei ihrem damaligen Lebensgefährten Woody Allen Aktfotos entdeckt hatte: Er hatte ein Verhältnis mit ihrer Adoptivtochter Soon-Yi. Ich las meiner Frau noch während sie duschte und ich mir noch nicht die Zähne putzte die diesbezügliche Meldung vor. Wir hatten ein besonderes Verhältnis zu Woody Allen: Wir hatten sein Textbuch von "Manhattan" übersetzt und zwei (der damals auch äußerst raren) Interviews mit dem scheuen Mann geführt, der beim ersten Gespräch anerkennend seinen sommersprossigen Arm (es war August in New York, und er drehte im Freien, in Flushing Meadow, seinen "Sommernachtstraum") neben den sommersprossigen Arm meiner Frau hielt.

Nachdem ich meiner Frau die Meldung vorgelesen hatte, machte ich eine Pause und sagte: "Es wird Zeit, dass wir eine siebzehnjährige Koreanerin adoptieren!" "Nichts da", sagte meine Frau, "wenn hier jemand adoptiert wird, dann Kevin Costner!"

Sie schwärmte damals heftig von der US-Version des Latin Lovers mit dem "wundervollen Lächeln". Ich glaube, "Der mit dem Wolf tanzt" war lange Zeit einer ihrer Lieblingsfilme.

Ich hatte damals einen Vortrag über das Kino zu halten, den ich nach einer Hollywood-Devise "Bigger than Life" nannte und in dem ich von der Unnahbarkeit der klassischen Filmstars gesprochen hatte, die (ganz anders als Fernsehstars) dem Publikum entrückt waren, entrückt wurden. Die Leinwand vergrößerte sie und ihre Gefühle und Leidenschaften ins Überlebensgroße; dafür hatte man in Hollywood sogar einen Trick. Man baute Türen, Fenster, und Decken der Häuserattrappen maßstabsgerecht verkleinert, damit die Stars vor ihnen und in ihrem Rahmen größer wirkten.

Mir war auch eingefallen, jedenfalls erinnerte ich mich daran, dass Leute, die einen Star leibhaftig und im Leben getroffen hatten, auf die Frage "Und, wie war er?" meistens antworteten: "Sie (beziehungsweise: Er) war kleiner, als ich gedacht hatte." Natürlich galt das nicht mehr für die Filme Woody Allens oder Danny de Vitos. Oder die klassischen Komödien Charlie Chaplins. Komiker führen immer einen David-und-Goliath-Slapstick vor: Sie sind der kleine David. Anders die Helden und Heldinnen: mochten sie so klein wie Marlene Dietrich, Michelle Pfeifer, Humphrey Bogart sein, sie mussten auf der Leinwand riesengroß erscheinen.

Ein paar Wochen nach den unterschiedlichen Adoptivideen im Badezimmer, ich glaube es war Mai oder Juni, ging ich an einem Mittwochmittag in Hamburg an der Außenalster lang, um bei "Paolino", dem Hamburger Italiener auf einer Ponton-Insel zu essen - Helmut Dietl hat hier die Fress- und Verführungsszenen aus "Schtonk" gedreht. Das Lokal war ziemlich leer, es war schon nach 14 Uhr, nur ein Tisch war mit fünf, sechs Leuten besetzt. Ich schaute hin und war wie elektrisiert. Da saß mitten im Mai oder Juni und mitten in Hamburg - Kevin Costner und aß, wie man in Hamburg sagt: "eine Nudel." Der Grund: Er war zu einer Produktionsbesprechung mit seinem Produzenten eingeflogen, der in Hamburg lebte und seine Geschäfte abwickelte und den ich kannte.

Meine Frau war im Büro, nur einen Kilometer Luftlinie entfernt. Und hier saß ihr Idol, ihr Adoptivschwarm. Ich rief im Büro an, sie war auf einem Termin, wie man mir sagte; ich ließ ihr Handy klingeln; es war ausgeschaltet. Eine halbe Stunde habe ich versucht, sie herbeizutelefonieren, vergeblich.

Kevin Costner sah mir wohlwollend geschmeichelt zu und erfüllte mir schließlich auch meine Bitte, ihr "wenigstens" eine Autogrammkarte auszufüllen.

Am Abend erzählte ich ihr von ihrem Missgeschick und tröstete sie mit dem Autogramm. Nachdem sie sich gefasst hatte, sagte sie: "Und?! Wie war er!"

"Du wirst lachen", sagte ich. "Er war kleiner, als ich gedacht hatte."

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