Zeitung Heute : Begeisterung über das breite Studienangebot Eine Schweizer Studentin erkundet Berlin

Beatrice Rubin

Mein erster Eindruck von Berlin waren Wartenummern und Anzeigetafeln. Ich war extra zwei Wochen vor Vorlesungsbeginn aus der Schweiz angereist, um rechtzeitig alle Behördengänge erledigen zu können. Diese beiden Wochen waren auch bitter nötig. Ich habe in der Wohnheimverwaltung gewartet, auf der Meldebehörde, im Erasmusbüro und auf der Ausländerbehörde.

Dann wagte ich mich zum ersten Mal auf eine Erkundungstour an die Freie Universität in Dahlem, wo ich für ein Jahr mein in Fribourg begonnenes Germanistikstudium fortsetzen wollte. Hier genieße ich bis zum Sommer das breite Studienangebot in der Germanistik in vollen Zügen. Ich konnte noch nie aus so vielen verschiedenen Kursen auswählen, die insgesamt ein so großes Gebiet abdecken. Ich genieße es ausgiebig, hier neue Themengebiete und Forschungsmethoden kennen zu lernen, die ich an meiner Uni nicht hätte belegen können. Ein weiterer Vorteil der FU sind die niedrigen Mensapreise und die vielen gemütlichen studentischen Cafés.

Doch nicht nur in der Uni gab es große Unterschiede zwischen Bern und Berlin. Erste Unterschiede zeigen sich in öffentlichen Verkehrsmitteln. In Bern fragen die meisten Menschen, bevor sie sich zu jemandem in ein Abteil setzen, ob denn der Platz noch frei sei. Sie tun das sogar zu Stoßzeiten, in denen diese Frage eigentlich überflüssig ist. Aber man will ja immer höflich bleiben. In Berlin setzt man sich einfach. Und wenn nur vier Menschen auf einer Fünfer-Bank sitzen, dann stellt man sich demonstrativ davor, bis die Leute zusammenrücken und man sich setzen kann. Ich musste mir erst ein gesundes Maß an Ellbogenmentalität antrainieren, um in der U-Bahn einen Sitzplatz zu ergattern.

Wenn man es dann in eine Bahn hinein geschafft und sich einen Sitzplatz erkämpft hat, dann kann alles Mögliche passieren. Ich war sehr überrascht, als zum ersten Mal jemand eingestiegen ist, im Eiltempo seine Geschichte runtergeleiert hat und eine Straßenzeitung verkaufen wollte. Oder als ein Mann zugestiegen ist und angefangen hat, ein Lied der Red Hot Chili Peppers zu singen. Solche Ereignisse waren sehr irritierend. Aber inzwischen bin ich so abgehärtet, dass ich auch in der dicht gedrängten U-Bahn stehend die Zeitung lesen kann.

Ein weiterer Unterschied ist das Einkaufen. In Bern wird man begrüßt, wenn man an einer Theke etwas kaufen möchte. Darauf folgt die Frage, was man denn haben will. Der Verkäufer erkundigt sich anschließend, ob es sonst noch etwas sein darf. Wenn man sein Geld gibt, sagt der Verkäufer Danke und der Kunde ebenso, wenn er das Wechselgeld erhält. Es entwickelt sich also ein kleines Gespräch zwischen Kunde und Verkäufer. Nicht so in Berlin. Ich war ganz schön verdattert, als ich das erste Mal an einem Gemüsestand etwas kaufen wollte. Der Verkäufer schaute mich nur ungeduldig an. Während ich auf die Begrüßung wartete, wurde er immer nervöser. Ich sagte dann vorsichtig, was ich haben möchte. Darauf kam das Verwirrende. Der Verkäufer sagte „außerdem?". Ein Wort, mit dem ich in diesem Zusammenhang nichts anfangen konnte. Ich schaute ihn nur verdattert an, bis er dann ungeduldig fragte: „alles?". Auf mein Ja sagte er mir den Preis, nahm mein Geld gab das Wechselgeld. Alles ohne ein Wort zu sprechen. Daran musste ich mich erst gewöhnen. Heute muss ich mich bei Besuchen in der Schweiz zusammenreißen, um wieder freundlich zu sein.

Der wichtigste Unterschied zwischen Berlin und der Schweiz ist aber das Nachtleben. In Bern ist das Angebot sehr viel kleiner. Theater- oder Kinobesuche sind ziemlich teuer, während man hier gerade fürs Kino sehr wenig bezahlt. Zudem fährt in Bern nach Mitternacht kein Bus und keine Straßenbahn mehr. Ich genieße es sehr, wenn ich hier mitten in der Nacht noch problemlos nach Hause komme.

Der Wechsel von Bern nach Berlin war eine größere Umstellung, als ich es zunächst dachte. Es ist ein harziger und langsamer Prozess, sich hier zu Recht zu finden, aber ich fange langsam an, die Stadt zu mögen. Berlin kann durchaus charmant sein.

— Die Autorin studiert an der Freien Universität Berlin Germanistik

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