Zeitung Heute : Begrenzt

Eine Koalition der Willigen, Saddams mangelnde Kooperation – für die USA schien es einfach zu werden, ihren Weg zu gehen. Jetzt aber sieht die Sache anders aus: Die Türkei zeigt sich überraschend unwillig, und Saddam spielt Kooperation. Die Amerikaner suchen nach einem Ausweg.

Malte Lehming[Washington]

Fangen wir mit der kurzen Liste an. Darauf stehen, aus Sicht der US-Regierung, die guten Nachrichten vom Wochenende. Erstens: Der Planungschef von Al Qaida, Khalid Scheich Mohammed, wurde verhaftet. Wer behauptet, der Krieg gegen den Irak lenke vom Kampf gegen den Terror ab, ist widerlegt worden. Zweitens: Einige arabische Staaten haben ihr Schweigen gebrochen. Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) forderten öffentlich den Rücktritt von Saddam Hussein. Kuwait und Bahrain schlossen sich dieser Forderung an. Drittens: Neben Kuwait, Bahrain und den VAE erlauben fünf weitere arabische Staaten die Stationierung von US-Soldaten – Qatar, Saudi-Arabien, Oman, Jordanien, Dschibuti. Logistisch wird die Kriegsvorbereitung auch von Ägypten unterstützt. Damit ist die arabische „Koalition der Willigen“ jetzt ebenso groß wie beim vergangenen Golfkrieg.

Auf der langen Liste stehen die schlechten Nachrichten. Und die wiegen zweifellos schwerer. Die Mitglieder des UN-Sicherheitsrates lehnen einen Krieg weiterhin mehrheitlich ab. Stattdessen fordern sie mehr Zeit für die Inspekteure. Saddam Hussein wiederum nimmt der US-Regierung äußerst geschickt den Wind aus den Segeln. Er beginnt, wie gefordert, pünktlich mit der Zerstörung der irakischen Al-Samoud-2-Raketen. Außerdem findet er „plötzlich“ ein paar intakte Bomben mit Milzbranderregern, Aflatoxin und Botulin. Schließlich lässt er einen „umfassenden“ Bericht über angeblich verschollene biologische Kampfstoffe ankündigen. Was vordergründig die Vorwürfe der US-Regierung bestätigt, wird von der Friedensfront als Beleg dafür gewertet, dass sich der Irak mit Hilfe der Inspekteure entwaffnen lässt.

Votum ist ein Debakel

Der mit Abstand gravierendste Rückschlag für die amerikanischen Pläne erfolgte jedoch im türkischen Parlament. Trotz einer Offerte Washingtons, die viele Milliarden US-Dollar umfasst, fand eine Resolution über die Stationierung von 62000 Soldaten nicht die erforderliche Mehrheit. Für die US-Diplomatie ist das Votum ein Debakel. Die Türkei, ein Mitglied der Nato und einer der engsten Verbündeten Amerikas, ist die einzige säkulare moslemische Demokratie der Welt – ein Musterland, ein Modell. Wann immer ein Mitglied der Bush-Administration über die Demokratisierung des Irak sprach, wurde als Vorbild die Türkei zitiert.

Auch strategisch ist die Entscheidung fatal. Von der Türkei aus sollte die Nordfront des Krieges operieren. Die ist zwar wesentlich kleiner als die Südfront, hat aber wichtige Aufgaben. Sie soll den Schutz der Kurden übernehmen, die Ölfelder um Kirkuk und Mosul sichern und die Streitkräfte der irakischen Republikanischen Garde buchstäblich in die Zange nehmen. Diese Möglichkeit hatte die Bush-Regierung fest eingeplant. Zuversichtlich war bereits am Tag der Abstimmung damit begonnen worden, die in türkischen Häfen liegenden US-Kriegsschiffe zu entladen. Zwei Dutzend weitere voll beladene US-Kriegsschiffe liegen seit Tagen vor der türkischen Küste. Noch hofft die Bush-Regierung, dass die Resolution ein zweites Mal zur Abstimmung vorgelegt wird. Abgedreht jedenfalls haben die Schiffe bislang nicht.

Ungefährlich, aber aufwändig

Was sind die Optionen? Statt der schweren „Fourth Infantry Division“ müssten leichtere und mobilere Einheiten – wie die „101st Airborne Devision“ und die „173rd Airborne Brigade“ – die Aufgaben im Norden übernehmen. Von Flugzeugträgern und Stützpunkten in Kuwait aus könnten diese Truppen im Kriegsfall mit Hilfe von Luftbrücken in den Norden gebracht werden. Das Unternehmen wäre zwar aufwändig, aber relativ ungefährlich. Von der irakischen Luftabwehr geht kaum eine Bedrohung aus, die meisten Nordregionen werden von Kurden kontrolliert, und Saddam Hussein hat das Gros seiner Abwehr ohnehin im Raum Bagdad stationiert.

Dennoch: Das türkische Parlament hat den US-Strategen einen dicken Strich durch ihre Rechnung gemacht. Ist das für Friedensfreunde ein Grund zum Jubeln? Je nachdem. Wenn der Krieg unwahrscheinlicher würde, ja. Wenn nicht, verlieren alle. Ein Krieg, der nicht nach Plan laufen kann, vergrößert das Leiden – für alle.

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