Zeitung Heute : Behandlung im Bauch

Dr. Wewetzer fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe gegen Eierstockkrebs

Hartmut Wewetzer

Manchmal kommen sie wieder. Therapien, die schon fast erledigt waren, abgelegt, ein Kapitel von gestern. Sie kommen wieder, weil sie besser waren als ihr Ruf. So könnte es nun auch einer speziellen Behandlung von Frauen mit Eierstockkrebs ergehen: Bei der jahrzehntealten „intraperitonealen Chemotherapie“ werden die Medikamente direkt in die Bauchhöhle gespritzt.

Kein schönes Thema, gewiss. Aber ein wichtiges. Denn der Eierstockkrebs gilt als der „Killer“ unter den Tumoren bei Frauen. Drei von vier Patientinnen mit diesem Tumor sterben auch an ihm, in Deutschland jedes Jahr etwa 6000. Das Tückische an der Krankheit ist, dass sie in zwei von drei Fällen erst im fortgeschrittenen Stadium entdeckt wird. Also dann, wenn sich bereits Tochtergeschwülste in der Bauchhöhle oder noch weiter entfernt angesiedelt haben. Krankheitszeichen wie Übelkeit, Verdauungsbeschwerden oder ein Druckgefühl im Becken sind so vage und allgemein, dass sie lange verkannt werden. Alle Versuche, die Früherkennung zu erleichtern, schlugen fehl.

Erst Chirurgie, dann Chemotherapie – so lautet das Behandlungsprinzip. Im Stadium III (Tochtergeschwülste in der Bauchhöhle) hat es sich als sinnvoll erwiesen, zunächst soviel als möglich von diesen Krebszellen mit dem Skalpell zu entfernen. Dann kommt die Chemotherapie. Deborah Armstrong von der Johns-Hopkins-Universität im amerikanischen Baltimore und eine Reihe anderer Krebsspezialisten verglichen zwei verschiedene Vorgehensweisen. Entweder spritzten sie nach dem chirurgischen Eingriff den Patientinnen zwei Krebsmedikamente lediglich in die Vene, oder sie injizierten die gleichen Medikamente noch zusätzlich direkt in die von Krebszellen befallene Bauchhöhle. Dieses Vorgehen war in Misskredit geraten, weil es aufwändig, kompliziert, nebenwirkungsreich und für die Frau sehr belastend ist. Schließlich sind die verwendeten Medikamente aggressive Zellgifte.

Das Ergebnis scheint nun aber dem rabiaten Vorgehen recht zu geben: Patientinnen, die so behandelt werden, leben im Mittel mindestens 16 Monate länger, als wenn ihnen die „Chemo“ nur in die Vene geträufelt wird. Bei der „New York Times“, die über die Ergebnisse von Armstrong berichtet hatte, meldeten sich sogleich Frauen, die diese Therapie vor etlicher Zeit bekommen hatten. Vor neun Jahren. Vor 18 Jahren. Und sie waren noch immer am Leben. „Mir war damals nicht klar, wie sehr diese Ärzte ihrer Zeit voraus waren“, meinte eine Patientin.

Doch es gibt auch Kritik. Werner Lichtenegger, Chefarzt der Frauenklinik an der Berliner Charité, hat an Armstrongs Ergebnissen einiges auszusetzen. So wurden seiner Ansicht nach bei den Frauen, die nur die Standardtherapie bekamen, die Medikamente zu niedrig dosiert; zudem sei eines der Mittel heute veraltet. „Die Untersuchung ist trotzdem interessant“, gibt er zu. „Wir haben vor, auch in Europa eine ähnliche Studie zu beginnen.“ Und so könnte die Chemotherapie für den Bauch eines Tages auch bei uns zurückkehren – wenn auch später als in Amerika.

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