Zeitung Heute : Bei Anruf Leben

Eine Frau stirbt, ein Telefon klingelt, ein todkranker Mann hofft auf ein gesundes Organ. Die Reise einer Leber von Linz nach Berlin

Deike Diening

Ein später Sonntagnachmittag in Berlin. Was man so macht. Der Chirurg Olaf Guckelberger schaut mit seiner Tochter „Spiderman II“, die Chirurgin Inga Husmann läuft um den Schlachtensee, der Chirurg Sidan Kalmuk zappt sich durchs Fernsehprogramm. Thomas Mehlitz, Transplantationskoordinator, schickt sich an, das Abendessen einzunehmen, und zwei Piloten einer Turboprop King Air B200 glauben, es wird eine ruhige Bereitschaft. Im österreichischen Linz stirbt eine Frau. Hirntod. Um 18 Uhr 32 erreicht der Anruf von Eurotransplant die Charité in Berlin. Ein Leberangebot. Eurotransplant regelt die Vermittlung von Organen zwischen Deutschland, Österreich, Slowenien und den Beneluxländern. Bei den Berlinern steigt der Adrenalinspiegel. Denn auf der Schwelle zwischen Leben und Tod kann man immer noch mit dem Tod über die Herausgabe einzelner Güter in Verhandlung treten. In einer Klinik der Charité hört ein Mann mit Lebertumor auf zu essen. Er muss jetzt nüchtern bleiben, vorsichtshalber. Er wird, wenn alles gut geht, am nächsten Morgen um fünf operiert. Die drei Chirurgen und der Transplantationskoordinator verabreden sich in einer Stunde am Flughafen Tempelhof, Seiteneingang, Ambulanzflug, zwei Propeller, die ausgeklappte Gangway berührt den Boden nicht.

Bei dem Tollwut-Fall Anfang des Jahres waren alle erstaunt, wie so etwas geht: Eine Spenderin hat sich, ohne es zu wissen, auf einer Indienreise mit dem Tollwut-Virus infiziert und war nach einem Herzstillstand gestorben. Niemand hatte den Virus erkannt, sonst hätten wohl nicht sechs Menschen Organe von ihr erhalten: Augenhornhäute, Lunge, Leber, Bauchspeicheldrüse, Nieren. Im Februar stirbt dann ein Patient in Hannover und einer in Hannoversch-Münden, Ende März der dritte in Marburg. Es war ein Skandal, das mit der Tollwut, die als Infektionskrankheit in Deutschland eigentlich nicht vorkommt – aber ist nicht die eigentliche Sensation, wie ein Mensch nach seinem Tod in sechs weiteren Menschen weiterlebt?

Am Anfang steht ein Mensch. Am Ende steht ein Mensch. Dazwischen reist ein Organ von dem Körper des einen in den Körper des anderen. In seinem Leib produziert die Leber eines anderen Galle. Es ist Routine. Es ist riskant. Und wo können Fehler passieren?

„Beim letzten Mal in Linz, da hatte die Crew Linzer Torte für uns besorgt – da müssen Sie sich schon anstrengen“, ruft Thomas Mehlitz, der Transplantationskoordinator, den Piloten zu. Die Maschine nimmt Anlauf ins Dunkel. Sie hat eine Minibar. Eigentlich ist sie gemacht für Geschäftsleute, Politiker und Musiker – „Windrose Air. Entspannter kann man nicht reisen“. Grüne Ledersitze und kugelrunde Messinglampen. Komfort für die Lebenden, Eis für die Toten.

Es ist ein Wettlauf gegen die Zeit, aber die Läufer geraten selten außer Atem. „Allerdings haben wir alle schon Beinahe-Unfälle gebaut.“ Mehlitz war in Spanien, Norwegen, Irland, England und Israel. Er ist in Tschechien beinahe vor einen Brückenpfeiler gefahren und im Nebel hilflos über Flughäfen gekreist. Jede Pause nutzt das Team zum Schlafen. 20 Uhr 45 Abflug in Berlin, 75 Minuten Flugzeit, um 23 Uhr Schnitt, um eins soll ein Team aus Hannover dazukommen, das sich für die Lunge interessiert, um fünf Uhr Anästhesiebeginn in Berlin, das ist der Plan. Thomas Mehlitz hat ihn ausgeheckt; inklusive Flugzeug, Rettungstransporten und OP-Reservierung hat er eine halbe Stunde gebraucht. Mehlitz, der Zuverlässigkeit ausstrahlt und dem man jederzeit den eigenen Hausschlüssel anvertrauen würde, Mehlitz also ist ein Schwellenwächter, auf der Linie zwischen Leben und Tod.

Mehlitz und seine Koordinatorenkollegen gehören zur Charité, Virchow-Klinikum. Sie arbeiten auf ein paar Quadratmetern im ersten Stock eines Gebäudes an der Amrumer Straße, und wenn man sie besucht, servieren sie einen ironischen „Herztodkaffee“. Dies ist eines von 50 Transplantationszentren in Deutschland. Mehlitz und seine Leute organisieren Logistik, Transport und OP-Säle für die Kliniken der Charité und auch anderer Städte, falls die an der jeweiligen Transplantation beteiligt sind, und sie arbeiten zusammen mit der Deutschen Stiftung Organtransplantation. Ihr werden die deutschen Spender zuerst gemeldet. Für die Vermittlung der Organe ist aber dann Eurotransplant zuständig, die auch die Warteliste führt. Rund um die Uhr sitzen Mehlitz und die Kollegen hier. Vor ihrer Tür wird der glänzende, blaue Klinikflur häufig gewischt, und manchmal stehen da weiße Styroporkästen. Darin waren die Nieren vom Wochenende.

Einmal aus den Körpern gelöst, müssen die Organe in wenigen Stunden wieder eingesetzt sein. Das Herz in vier Stunden, die Lunge in sechs bis acht. Die Leber muss nach 18, die Niere nach 24, der Dünndarm nach sechs bis acht Stunden wieder arbeiten. Spätestens. Je kürzer die Zeiten, desto besser funktioniert das Organ. Das verlangt eine strenge Synchronisation von Teams, Ärzten, OP-Sälen, Belegungsplänen, Flugzeugen, Piloten, Chirurgen, sterilen und unsterilen Schwestern und Fluglotsen. Ein riesiges Netz auf Standby, per Fernbedienung mit einem Anruf aus dem holländischen Leiden aktiviert. Dort sitzt die Zentrale von Eurotransplant. Dann zieht sich alles zusammen um einen ersten Operationstisch und dann um einen weiteren.

Früher war die Sexualität tabu und der Tod normal, sagt Thomas Mehlitz jetzt, 10 000 Fuß über Grund. Heute ist die Sexualität normal und der Tod tabu. „Denn wer stirbt heute noch zu Hause?“ Es sind bekittelte Ärzte, die einem sagen, wann der Tod eingetreten ist. Fremde. Es sind diese Fremden, die dann nach einem Organ fragen. Auch deshalb hätten die Leute Angst, es liege daran, dass sie nichts wissen, sagt Mehlitz. Zum Beispiel wissen sie nicht, dass es seit 1997 das Transplantationsgesetz gibt, das regelt, dass die behandelnden Ärzte vor dem Tod andere sein müssen, als diejenigen, die das Organ entnehmen. Nur zur Vorsicht. Um Interessenskonflikte zu vermeiden. Damit die Menschen nicht Angst haben müssen, dass der Arzt sie falsch behandelt, nur um an ihre Organe heranzukommen. Wüssten die Leute, wie sorgfältig gearbeitet wird, hätten sie längst mehr Vertrauen, glaubt der Koordinator. Auf der Warteliste für Organtransplantationen in Deutschland stehen etwa 12 000 Menschen. In ein paar Wochen, wenn wieder Tag der Organspende ist, wird wieder einmal um mehr Vertrauen geworben.

Über der Landebahn von Linz. Auf dem Rollfeld der Rettungswagen. Die Fahrt: Bauhaus, Reno, Autofachmarkt, China-Imbiss, Würstelmann und dann eine Klinik. Personalschleuse, die Kleidung gegen grüne Hemden, Hosen, Haarnetze und Mundschutz, Eintritt in die andere Welt. Sie liegt schon da, die Arme seitlich ausgebreitet, im Leben hat sie sehr auf sich geachtet.

Operationssaal vier könnte überall sein auf der Welt, wenn am Regal nicht „Plastikkasterl“ stünde. Der Ehemann heißt hier Gatte, sie haben beschichtete OP-Tücher, in die Wassertropfen nicht einziehen, sondern auf ihnen liegen bleiben, und sie haben im Unterschied zur Charité einen selbst arretierenden Thoraxsperrer, der den Brustkorb aufhält. Das ist Österreich.

In Österreich gibt es auch ein anderes Organspendegesetz. Die Widerspruchsregelung besagt, dass jeder, der nicht gegenüber jemand anderem einer Organentnahme widersprochen hat, als Spender gilt. Deshalb gibt es in Österreich proportional mehr Spender. Aber in Deutschland, hatte Mehlitz gesagt, würde das nicht funktionieren. Die Leute haben zu viel Angst, sie haben ihre Vergangenheit mit dem Dritten Reich, und die kann keiner wegreden. Die Deutschen sind misstrauisch. Wenn sie das Widerspruchsgesetz einführten, glaubt Mehlitz, gingen die Spenderaten sofort rapide zurück. Vermutlich würden sich alle ihren Widerspruch sofort irgendwohin tätowieren. Nur so zur Sicherheit.

Stimmt die Blutgruppe? Ist der Totenschein da? Die Einwilligung eines Angehörigen zur Organspende? Schnitt. Das Skalpell kann man hören und riechen. Die Hitze verschließt die Gefäße wieder, es riecht verbrannt. Das Beatmungsgerät ist an, der Kreislauf läuft, das Herz schlägt. Organe können nur dann entnommen werden, wenn sie noch durchblutet sind und Sauerstoff bekommen. Das führt dazu, dass das Herz noch springt im offenen Leib, die Tote hat einen rosigen Teint und warme Hände, ihre Fingernägel sind wunderbar gepflegt und lang. Sie hatte eine spontane Hirnblutung erlitten, tagelang hatte man versucht, sie zu retten. Hirntod ist schwer zu begreifen für die Angehörigen, hatte Mehlitz gesagt, solange sie so gesund aussehen.

Man hat sich geeinigt: Hirntod ist der Zeitpunkt, ab dem im Menschen kein Leben mehr steckt. Seine Ursache ist für die Transplantationsärzte nicht wichtig, wichtig ist allein die Qualität des Organs und die Ergebnisse der Tests: auf Tumore, Blutvergiftung, Bakterien, Hepatitis und HIV. Tollwut gehört nicht dazu. Wenn man das Ergebnis sicher wüsste, wäre das Organ schon zu alt. Für Tote zahlen keine Kassen, und sobald der Tod festgestellt wird, geht die Verantwortung für die Organe und auch die Rechnung für jede Behandlung an die DSO, die Deutsche Stiftung Organtransplantation. Nach einer erfolgreichen Transplantation zahlt die Kasse des Empfängers die Kosten. Für eine Lebertransplantation sind das etwa 80 000 Euro.

Thomas Mehlitz hat jahrelange Erfahrung als Koordinator. Er war einer der ersten in Deutschland. Er hat als Krankenpfleger angefangen und kann inzwischen wie ein Arzt einschätzen, ob eine Leber gut ist, ob sie beim Spülen ungut verfärbt, Flecken bildet, verfettet ist, einen Tumor hat und wie sie auf Fingerdruck reagiert. Die sterile Schwester Veronika ist jung und unerschrocken. „Können wir aufhören zu flirten, sonst werden wir nicht fertig!“ Sechs Hände, um den Bauch aufzuhalten. Der Tod ist schon gegangen, die Lebenden packen ihre Schläuche aus. Es läuft Musik.

23 Uhr 35. Die Leber? Ist gut. Mehlitz geht telefonieren. In Berlin wird jetzt ein Mann, dem man eine neue Leber versprochen hat, von einem Krankentransporter abgeholt. In Linz zählt nun auch Schnelligkeit, das ist wichtig für das Organ, den Ruf des Chirurgen und die Statistik.

Kurz nach Mitternacht wird die Gallenblase entfernt. Kurz vor halb eins enthüllt Inga Husmann, dass sie Berliner Vizemeisterin im Geräteturnen war. Um 0 Uhr 32 lösen sie die Muskelstränge, an denen das Zwerchfell hängt. Einer fühlt die Temperatur an der Stirn der Toten. Die Operation findet eigentlich drei Mal statt: auf dem Tisch und auf zwei Monitoren, die von der Decke hängen. „Landlunge“, sagt Mehlitz, er sieht das von weitem. Wäre die Lunge in der Stadt groß geworden, sie wäre dunkler.

Um eins noch keine Spur vom Lungenteam aus Hannover. Stillstand im OP. Die Ärzte fassen sich an den Rücken. „Es ist viel mit Warten verbunden“, hatte Mehlitz gesagt. Und mit Stehen. Manchmal muss man sich sehr beeilen, und dann kommt etwas dazwischen, und es gibt Leerlauf, weil ein OP besetzt ist oder das Lungenteam nicht kommt. „Es sieht manchmal gar nicht dramatisch aus, was wir machen. Es sieht sogar langweilig aus“, hatte er gesagt. Aber das Drama liegt nicht in der Art, sondern in der Bedeutung der Handlung. Schwerer als das Skalpell wiegt die Verantwortung.

Das Leberteam kennt das Lungenteam. Gemeinsam hat man sich schon über andere Körper gebeugt. Es sind jetzt 13 Leute im OP. Und die Lunge ist zwar eine Landlunge, aber leider vereitert. Wenn man den Eiter absaugt, läuft neuer nach. Der Arzt aus Hannover ist sich nicht sicher. Er muss nachfragen. Ist der Empfänger gesund genug, um eine angeschlagene Lunge zu verkraften? Nimmt man lieber so eine als keine? Er will noch einen Test. Das dauert. Um kurz nach zwei nehmen sie die Lunge doch nicht. „Sie wurde tagelang beatmet. Wasser in der Lunge. Das passiert.“ Der Hannoveraner Arzt fliegt mit seinen Leuten wieder nach Hause.

Der Blutfluss in die Beine wird nun abgebunden, im Oberkörper steigt der Druck an. Die Aorta zum Zwerchfell wird zugeklemmt, die Vene angeschnitten. Das Blut hat es zum letzten Mal eilig und flitzt durch zwei Schläuche rechts und links über den Klinikboden in Kanister. Dann wird mit Druck die Spülflüssigkeit nachgeschoben. Spülung der Organe im Körper als Vorbereitung zur Entnahme, exakt zehn Minuten, Lösung HTK nach Bretschneider, die Leber verfärbt sich, wird gräulich ohne das Blut. Wie ist sie? Nicht verfettet, kein Tumor, keine Flecken beim Entfärben. „Sie wird’s tun.“ Die Leber geht also nach Berlin. Eine Niere nach Innsbruck, eine nach München, das Herz bleibt da und die Lunge im Körper. In verschiedenen Städten bereiten Menschen Narkosen vor.

Aber natürlich kann zu diesem Zeitpunkt immer noch alles schief gehen. Ein Schnitt an der Leber. Sie kann reißen.

Zwei Uhr 41, die Leber ist draußen, um zwei Uhr 45 die rechte Niere, um zwei Uhr 50 die linke Niere, um drei Uhr 02 das Herz. Nur die Gallenblase wartet in einem Schälchen darauf, dass sie wieder eingesetzt wird, damit der Körper so vollständig wie möglich begraben werden kann. Die Leber kommt in eine Salatschüssel mit türkisem Deckel, „viereinhalb Liter, von Tupperware, können Sie kaufen“. Beim Sterilisieren verzieht sich der Deckel, aber an Lebertransport haben die von Tupperware ja auch nicht gedacht. Um die Dose Eis, alles in eine Plastiktüte, verschlossen mit einem Kabelbinder.

„Ihr wart’s erfolgreich?“ fragt der Rettungsfahrer. In umgekehrter Reihenfolge fliegen vorbei der Würstelmann, China-Imbiss, Autofachmarkt, Reno, Bauhaus, das Flughafentor. Die zwei Propeller glänzen silbern wie Operationsbesteck, die Gangway berührt den Boden nicht. Tut uns leid, sagen die Piloten. Sie haben es versucht, an zwei verschiedenen Stellen. Linzer Torte war nicht zu kriegen. Im Flugzeug bleibt es deshalb bei Fleischbrötchen mit Paprika und Petersiliendekor. Es ist so dunkel, die Farbe des gekochten Schinkens sieht man kaum. Es dauert nur Minuten, dann sind nur noch die Piloten wach. Hinten liegt die Leber in der blauen Kühlbox im Eis.

Vier Uhr und Rückenwind. Zwischen Wachen und Schlafen, Himmel und Erde, Nacht und Tag, Leben und Tod. Warum macht einer wie Mehlitz das? Organe. Einer muss die Logistik organisieren. Die Logistik beeindruckt am meisten. Immer wieder schlägt er sich die Nächte um die Ohren, mittags kaum Essen, immer wieder „Herztodkaffee“, zu Hause drei Kinder. Die Dramatik, hatte er gesagt, liegt nicht in dramatischen Toden. Die alltäglichen Tode, das sind die wahren Tragödien. Ein Kind, nur mal auf dem Spielplatz gewesen und vom Gerüst gefallen. Ein Radfahrer, nur mal eben ohne Helm unterwegs. Doch wenn die Ärzte mit ihren Spülflüssigkeiten kommen, sind alle Geschichten erloschen, die Persönlichkeit und das Drama des Todes. Zu sehen sind: Organe in bekannter Anordnung. Es würde nicht funktionieren, wenn die Ärzte auch noch das Schicksal des Toten betrauern müssten.

In Berlin zieht jetzt schon der Morgen auf mit seiner furiosen Nebel- und Lichtshow, die Stadt schläft, aber auf der Stadtautobahn sind schon Leute, und was da so rechts und links an den Häusern flackert, das ist das Blaulicht vom Dach. Ohne Bewusstsein in Operationssaal fünf liegt er schon da, die Arme seitlich ausgebreitet, für seine Tumorleber hat er fortan keine Verwendung mehr.

Wieder ein erster Schnitt, der Geruch, die zwei Übertragungsmonitore – aber dieser Patient lebt. Er muss anonym bleiben, und er darf auch selbst nicht wissen, von wem seine neue Leber kommt, die jetzt nur noch eine Nummer hat. Dass er weiterleben darf, ist der Grund für diese Reise gewesen, für all die Logistik, die Hektik. Sobald er aus der Bewusstlosigkeit erwacht, hat er wieder eine Zukunft.

Die sterile Schwester schlägt der Chirurgin blind die Instrumente in die Hand. Es eilt, Unterstützung wird angefordert, der Professor schaut herein. Die Chirurgin ist die Jüngste im Transplantationsteam. Es ist ihre neunte, sie spricht von Routine und steht zart in Grün über diesem kräftigen Körper. An der Charité werden etwa 130 Lebertransplantationen im Jahr gemacht, Überlebensquote 90 Prozent. Keine Musik, mehr Anspannung, die Uhr läuft, fast fünf Stunden lang. Der Tod hat hier nichts verloren, auch wenn er zwischendurch um die Ecke guckt. Dann kommen die Anästhesisten und hauen ihm eins über die Mütze. Herzkammerflimmern, der Kreislauf sackt weg. Es kann immer noch alles schief gehen. Um zehn vor neun nimmt die Leber im neuen Körper Platz. Als sie wenig später, an die Aorta angeschlossen, mit eigenem Blut durchspült wird, leuchtet sie wieder in ihrem vertrauenerweckend dunklen Rot.

Um halb zwölf der letzte Stich an der Naht. Man kann es sehen, die neue, alte Leber produziert schon Galle.

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