Zeitung Heute : BEI DEN US-FUSSBALLERN HERRSCHT KATZENJAMMER: Rückkehr zum Dritte-Welt-Status

LOS ANGELES .Einen Tag nach der Pleite gegen Iran bot sich Amerika am Frühstückstisch ein ungewohntes Bild.Auf der Titelseite aller großen Tageszeitungen nahmen die Fußballer den meisten Platz ein.Doch es waren nicht die Schlagzeilen, die das allzu optimistische Nationalteam bei ihrem Auftritt in Frankreich erwartet hatte."Iran kickt U.S.aus dem Cup - 2:1", vermeldete "USA Today" - und dies war zugleich auch die freundlichste Überschrift."Es ist furchtbar", trauerte im entfernten Lyon Mittelfeldspieler Cobi Jones, "vier Jahre harter Arbeit sind in einer Woche ausgelöscht."

Mit überhöhten Erwartungen waren die US-Boys trotz der starken Gruppengegner ins Turnier gestartet."Wir brauchen vor Deutschland keine Angst zu haben", faßte Eric Wynalda die Stimmung im Team kurz vor dem WM-Abenteuer zusammen."Alles andere als das Erreichen der zweiten Runde wäre enttäuschend", sagte der Torjäger, der selbst meilenweit von seiner Bestform entfernt ist.Das Wort "Underdog" strichen die Fußballer aus ihrem Vokabular, weil sie beim Gold Cup im Februar Brasilien mit 1:0 und beim Testspiel in Wien Österreich mit 3:0 geschlagen hatten.Die mühsame WM-Qualifikation gegen Teams wie Kanada und Costa Rica wurde schnell vergessen und die Soccer-Zukunft in rosaroten Farben gemalt."2010 werden wir die WM gewinnen", tönte Verbandschef Alan Rothenberg, ohne die Zeichen der Zeit zu erkennen.

Mit tollen Leistungen wollte das US-Ensemble in Frankreich zu den besseren Fußball-Nationen aufschließen.Doch jetzt droht eine Pleite wie 1990 in Italien, als alle drei Gruppenspiele verloren wurden.Die "Rückkehr zum Dritte-Welt-Status im Soccer" bilanzierte "USA Today" nach dem herben Rückschlag gegen Iran."Die Spieler bezahlen jetzt mit der harten Kritik den Preis dafür, daß sie in den vergangenen Wochen wie NBA-Stars in den Medien gefeiert wurden."

In den Mittelpunkt der Kritik geriet Coach Steve Sampson, dessen Ablösung nach dem WM-Turnier als beschlossene Sache gilt.Zwar verschaffte sich der Kalifornier Respekt, als er wenige Wochen vor den Titelkämpfen Kapitän John Harkes aus dem Kader strich und mit Frankie Hejduk und Brian Maisonneuve junge, talentierte Spieler nominierte.Doch statt die Ansprüche herunterzuschrauben, träumte der US-Trainer von neuen Systemen und offensivem Fußball.Dazu fehlen ihm aber die richtigen Spielertypen.Sein Vorgänger Bora Milutinovic erkannte dies bei der WM 1994, spielte selbst vor heimischem Publikum mit einem Defensivkonzept und führte das Team immerhin ins Achtelfinale.Sampson ließ sein Team in typisch amerikanischer "Wir streben nach Gold"-Mentalität attackieren.Und erlitt Schiffbruch.Sampson zeigte sich dennoch wenig einsichtig: "Wir haben der Welt gezeigt, daß wir wissen, wie man Fußball spielt."

Fußball hat in Amerika keine Tradition und nach wie vor Mängel an der Basis.Die Grundlagen werden in der Jugend gelegt, doch noch gibt es keine talentfördernde Klub-Struktur.Und anders als im Basketball oder American Football sind die Universitäten meilenweit davon entfernt, junge Fußballer im harten Wettbewerb auf eine Profi- Karriere in der noch jungen Major League Soccer (MLS) vorzubereiten."In diesem Land muß alles schnell gehen", meinte ein Kommentator des US-Fernsehens.Doch Fußball made in USA muß noch lange reifen.

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