Zeitung Heute : BEI DER 85.TOUR DE FRANCE GEHT ES DRUNTER UND DRÜBER: Fahrerstreik verstärkt das Chaos

TARASCON-SUR-ARIEGE .Ein zweiter "schwarzer Freitag" hat bei der 85.Tour de France zu chaotischen Verhältnissen geführt und den weiteren Verlauf der populären Radrundfahrt in Frage gestellt.Eine Woche nach dem Ausschluß des Festina-Teams wegen Dopings droht nun auch der niederländischen Mannschaft TVM die Tour-Elimination.Am Donnerstag seien eine "beachtliche Menge an Doping-Mitteln" und Mittel zu deren Tarnung im TVM-Team-Hotel in Pamiers gefunden worden, teilte gestern die zuständige Staatsanwaltschaft in Reims mit.TVM-Sportdirektor Cees Priem und Mannschaftsarzt Andrei Michailow befinden sich in Polizeigewahrsam.Die Tour-Direktion kündigte für den Fall von "erwiesenen" Verfehlungen eine Disqualifikation von TVM an.

Über den weiteren Verlauf der Tour, deren 12.Etappe wegen eines Fahrerstreiks mit rund zweistündiger Verspätung gestartet wurde, will der Veranstalter noch vor der 13.Etappe am heutigen Sonnabend mit den Leitungen der Mannschaften sowie jeweils einem Fahrer-Vertreter sprechen.Unterdessen werden in Frankreich die Forderungen nach einem Abbruch der Tour de France immer lauter, repräsentiert durch die angesehene Zeitung "Le Monde".Im Leitartikel heißt es: "Die Tour 1998 ist beendet".

Die Rennfahrer wollten mit ihrer Aktion gegen ihre "pauschale Kriminalisierung" im Zuge des Doping-Skandals protestieren.So war das wegen der Einnahme von Doping-Mitteln disqualifizierte Festina-Team entwürdigenden Verhören durch die Behörden in Lyon ausgesetzt.Nach Geständnissen waren in der Nacht zum Freitag drei Fahrer und gestern die restlichen sechs Mitglieder des Festina-Teams, darunter der französische Vorjahres-Zweite Richard Virenque, von den Behörden freigelassen worden.Virenque sagte hinterher, er habe niemals gedopt.Die Schweizer Alex Zülle und Laurent Dufaux sollen jedoch ebenso wie ihre zuvor entlassenen drei Teammitglieder die Doping-Verfehlung eingestanden haben.

In Lille wurden unterdessen die Vernehmungen der inhaftierten Bruno Roussel (Festina-Teamchef), Eric Ryckaert (Mannschaftsarzt) und Willi Vo:et (Masseur) vorläufig beendet.Roussel bleibt in Haft, Vo:et wurde aus der Untersuchtungshaft entlassen, für Ryckaert haben dessen Anwälte eine Haftverschonung beantragt.Staatsanwalt Philippe Lemoine sagte zum Stand der Ermittlungeen gegen TVM: "Wenn es eine juristische Gleichheit in Bezug auf die vorgenommenen Sanktionen des Tour-de-France-Direktors gibt, ist es offensichtlich, daß dieselben Ursachen auch dieselben Konsequenzen nach sich ziehen müssen." Die Tour-Direktion verbreitete während der 12.Etappe eine gemeinsame Erklärung mit der Jury des Internationalen Rad-Verbandes, die einen Ausschluß wahrscheinlich erscheinen läßt: "Die TVM-Mannschaft wird sofort suspendiert, wenn erwiesen ist, daß sie gegen das Reglement, die Ethik des Radsports und die Moral, die die Tour trägt, verstoßen hat."

"Ich kann die Fahrer verstehen.Aber ein Streik ist kein Mittel des Protests", sagte Telekom-Teamleiter Walter Godefroot.Der französische Dritte der Tour-Gesamtwertung, Laurent Jalabert, meinte: "Die Fahrer revoltieren gegen alles, was passiert ist.Man behandelt uns wie Vieh." Jalabert hatte als Sprecher der Tour-Fahrer zum Streik aufgerufen.Der Träger des Gelben Trikots, Jan Ullrich sagte: "Die Medien berichten fast nur noch über Doping.Der Sport ist in den Hintergrund getreten.Das nervt." Den letzten Fahrerstreik hatte es bei der Tour 1966 nach Einführung von Dopingkontrollen gegeben.

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