Zeitung Heute : Bei näherem Hinsehen trübt sich die Bilanz

ALEXANDRA BORCHARDT

Freizeit schafft Arbeit: In Deutschland verdienen nach offiziellen Zahlen 2,4 Millionen Menschen und damit sieben Prozent aller Erwerbstätigen ihr Geld im Tourismus - etwa so viele wie in Maschinenbau, Fahrzeugbau und chemischer Industrie zusammen.Bundesregierung und Verbände rühmen die Reisewirtschaft deshalb gerne als Zukunftsbranche schlechthin."Wir erwarten da große Zuwachsraten", sagt die im Bundeswirtschaftsministerium für den Dienstleistungssektor Verantwortliche, Gisela Hammers-Strizek.

Doch bei näherem Hinsehen trübt sich das Bild von der Job-Maschine Fremdenverkehr.Rund 80 bis 90 Prozent der im Tourismus Beschäftigten arbeiten im sogenannten Niedrigstservicebereich, wie eine Informationschrift der Bundesanstalt für Arbeit vom Dezember 1997 ausführt.Darüberhinaus nimmt nach Einschätzung der Gewerkschaften der Anteil der ungelernten Beschäftigten sowie der befristeten und Teilzeitjobs zu.Zwar steigt auch der Prozentsatz der Akademiker.Er liegt jedoch mit rund 2,5 Prozent weit unter dem gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt von rund zwölf Prozent.In der vom Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Auftrag gegebenen Studie "Arbeitslandschaft der Zukunft" kommt die Touristik noch nicht einmal vor.

Experten scheitern bereits an der Definition von Tourismusjobs.Der Tellerwäscher in der Hotelküche, der Pilot des Charterflugzeugs und der Vorstand des Reisekonzerns gehören dazu - aber was ist mit dem Zeitungsverkäufer in der Fußgängerzone von Heidelberg? So können nicht einmal die Branchenverbände die mehr als zwei Millionen Arbeitsplätze aufschlüsseln, obwohl sie die Zahl gerne zitieren.

Etwa die Hälfte davon reklamiert der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) für das Gast- und Beherbergungsgewerbe.Hier, wo Klein- und Kleinstbetriebe 85 Prozent ausmachen, sind die Arbeitszeiten besonders lang und die Bezahlung schlecht, wie Frank Maur von der Gewerkschaft Nahrung, Genuß, Gaststätten (NGG) betont.Gut ein Viertel aller Arbeitsplätze würden von Teilzeitkräften oder "mithelfenden Familienangehörigen" besetzt, überwiegend Frauen.

"Das ist ein klassischer Niedriglohnbereich", sagt Maur.So mancher Beschäftigter habe zusätzlich Anspruch auf Sozialhilfe.So liege der Bruttolohn in der untersten Tarifgruppe etwa in Thüringen bei rund 1600 Mark."Wild-West-Methoden" vieler Gastronomen bei den Arbeitsbedingungen sorgten dafür, daß etliche junge Leute nach der Lehre zu Fluggesellschaften oder Reisebüros wechseln, "weil andere Arbeitgeber durchaus zu schätzen wissen, daß solche Auszubildenden hochgradig flexibel sind und mit Gästen umgehen können".

Nach Ansicht von Dehoga-Sprecherin Annette Heinemann bietet die Branche Berufseinsteigern aber auch viele Vorteile - zum Beispiel die schnelle Karriere."Da kann man mit Ende 20 schon ganz beachtliche Sprünge gemacht haben." Leider habe Dienstleistung in Deutschland einen geringen Stellenwert.So werde die Lehre in der Küche oder am Tresen wenig geschätzt.Aber: "Warum soll es ein besseres Image haben, am Computer den ganzen Tag Daten einzugeben?" Die NGG beobachtet allerdings in der Gastronomie eine "zunehmende Dequalifizierung".In den Küchen boomten Fertigprodukte, Kettenrestaurants mit Standardangebot verdrängten das klassische Lokal, berichtet Maur."Dazu brauche ich keinen gelernten Koch." Auch ersetzten Aushilfen zunehmend Restaurantfachleute.

Die rund 55 000 Beschäftigten bei Reisebüros und Veranstaltern sind zwar im Durchschnitt besser ausgebildet.Nach den Worten von Gerhard Hütter von der Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) dominieren aber auch hier niedrige Gehälter und starke Arbeitsbelastung bei hoher Verantwortung.40 Prozent der Beschäftigten würden unter Tarif bezahlt.Angesichts der Konzentration bei Reisebüros und Veranstaltern sei für diesen Bereich absehbar, "daß die Zahl der Arbeitsplätze insgesamt nicht wachsen wird".Außerdem versuchten die großen Betriebe, über die Gründung von Niedriglohn-Töchtern die Personalkosten zu senken.Diese Tendenz sieht die ÖTV auch in der Luftfahrt.

Hammers-Strizek verweist dagegen auf neue Ausbildungsberufe in der Touristik und vielseitig verwendbare Qualifikationen - zum Beispiel im Umgang mit Kunden oder auch moderner Elektronik.Ein weiterer Vorteil: Die Arbeit im Service erfordere mehr Menschen als Maschinen.Jobs ließen sich nicht so schnell wegrationalisieren.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben