Zeitung Heute : Bei Tag träumen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Helmut Schümann

Paul träumt, Paul ist ja jetzt sehr innig mit Luise, da träumt so ein Pubertist noch mehr als eh schon. Wovon Paul träumt, das soll nicht verraten werden, dazu nur so viel: Es hat schon Streitereien gegeben darüber, was Paul will und der Vater erlaubt. Neulich erst, es war Weihnachten, und es fing sehr harmonisch an. Paul hatte neue Schlittschuhe geschenkt bekommen, und weil es Heiligabend schön knackig kalt und der Lietzensee zugefroren war, sind die Mutter und der Vater und Paul nach der Bescherung bei Mondschein über den See geschlittschuht. Sehr glücklich waren da alle mit Natureis und heißem Tee und der Vater mit der Romeo y Julieta No. 2, der Havanna, die Paul geschenkt hatte. Nur am Tag darauf – die Eltern wollten aufs Land fahren zur ehemaligen Ruine mit Acker, aus der mal ein Haus mit Garten werden soll – da war es aus mit Harmonie und Paul sagte „mhmngmanney!“ und „ähh!“ und „scheiß aufs Land!“ Und dann hockte er in seinem Zimmer, Luise war verhindert, und er langweilte sich und, nun ja, träumte.

Dieses Träumen wird nun langsam lästig. Und teuer. Ein anderes Neulich: Paul sollte noch schnell einkaufen, nur ein kleines Tütchen geriebene Haselnüsse. Man ahnt wahrscheinlich schon, dass es etwas länger gebraucht hatte, bis Paul a) sich erinnerte, wo der Supermarkt um die Ecke zu finden ist und b) begriff, was Haselnüsse sind. Aber dann war er schon nach drei „mhmngmanney“s und zwei mütterlichen „Paul!!!s“ losgegangen. Mit einem 20-Euro-Schein.

Dann war Paul wiedergekommen. Mit einem kleinen Tütchen geriebener Haselnüsse und mit 13,60 Euro. „Paul, wo ist denn der Rest“, hatte die Mutter gefragt und Paul geantwortet: „Was für ein Rest.“ Die Mutter war darob ein wenig irritiert, fragte nach, ob Paul wirklich glaube, ein kleines Tütchen geriebener Haselnüsse koste 6,40 Euro, aber Paul leerte alle Taschen, es fand sich kein Rest, nur der Kassenzettel, auf dem 1,15 Euro für Haselnüsse vermerkt waren. Es gab dann das übliche Geplänkel von „Paul, bitte, geht es noch“ zu „Was weiß denn ich, was so doofe Haselnüsse kosten“, zurück zu „Paul, das glaube ich jetzt nicht“ zu „Kann doch sein, in Euro“. Daraufhin warf der Vater ein resignatives-verzweifeltes „Ahhrrgg!“ ein. Es war alles in allem aber so, dass Paul beim Wechselgeldempfang schlicht wieder ein bisschen geträumt hatte. „Hört das denn nie auf“, hatte der Vater gesagt.

Es ist allerdings auch noch von einem Nachspiel zu berichten. Ein paar Tage darauf fuhren die Mutter und der Vater und Paul mit dem Auto durch die Stadt, und weil sie an einer Tankstelle vorfuhren um zu Tanken, zog der Vater einen 50-Euro-Schein aus der danach leeren Brieftasche. Dann tankte er, Paul saß hinten und träumte, die Mutter saß vorne und wartete, der Vater stand draußen und tankte und dachte an nächtliche Schlittschuhfahrten mit Grog und Romeo y Julieta No. 2, und der Tank war bei 35 Euro und ein paar Cents voll. Dann zahlte der Vater. Stunden später merkte er, dass statt 14 Euro und ein paar Cent nur vier Euro und ein paar Cent in seiner Tasche waren. „Hört das denn nie auf“, sagte Paul. „Mhmngmanney!“, sagte der Vater.

Die Berliner Seen sind zu - und trotzdem, so schön es auch sein mag - Vorsicht ist darauf immer geboten.

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