Zeitung Heute : „Bei uns gibt es keinen Schwund“

Die Vorsitzende der Welthungerhilfe, Ingeborg Schäuble, über Kontrolle der Hilfe und Ängste der Armen

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Frau Schäuble, die TagesspiegelLeser haben nach der Flut in Südasien fast 500 000 Euro an die Welthungerhilfe gespendet. Was passiert mit diesem Geld?

Wir werden damit in den Regionen Mullaittivu und Trincomalee auf Sri Lanka zunächst einmal 900 provisorische Häuser bauen. 50 sind bereits errichtet, eines kostet etwa 280 Euro. Die Menschen müssen wieder raus aus den Schulen, Tempeln und Kirchen. Da noch ungeklärt ist, wie weit entfernt vom Strand die Menschen sich wieder ansiedeln dürfen, errichten wir provisorische Unterkünfte aus Bambus. Die kann man später als Küche oder Lagerraum weiter nutzen.

Mit wie vielen Mitarbeitern ist die Welthungerhilfe in Sri Lanka vor Ort?

Sie müssen wissen, dass wir den ersten Konvoi schon in der Nacht zum 28. Dezember an die Nordküste der Insel geschickt haben. 20 Dörfer waren dort weggeschwemmt, vieles, was wir selbst aufgebaut hatten, war zerstört. Wir hatten zeitweilig fünf Leute dort, die geschaut haben: Wo können wir helfen, wo kommen keine anderen Organisationen hin, welches Gebiet ist noch nicht versorgt.Wir haben eine vertrauenswürdige Partnerorganisation vor Ort, die Sewalanka.

Wer spendet, will auch wissen, dass das Geld ankommt. Wie gut lässt sich das kontrollieren?

Wir haben gut etablierte Kontrollmechanismen: Jedes Projekt wird von Fremdgutachtern evaluiert. Die schauen sich an: Was haben wir vorgehabt und was haben wir erreicht. Außerdem gibt es eine Revision, die die großen Projekte besucht, Kassenlage und Belege prüft. Das ist auch das, was die Spender wollen: Dass möglichst wenige Kosten entstehen, und dass mit dem Geld möglichst effizient umgegangen wird. Bei uns gibt es keinen Schwund. Wir haben 2003 Verwaltungskosten in Höhe von 4,8 Prozent unseres Budgets gehabt, die Spender wollen ja auch so schnell wie möglich eine Bescheinigung für die Steuer. 5,4 Prozent gingen in die Öffentlichkeitsarbeit. Etwa 90 Prozent gingen direkt in die Projekte. Das ist eine gute Quote und erklärt unseren guten Ruf.

Was kann eine Organisation wie Ihre leisten, das staatliche Unterstützung nicht kann? Immerhin hat die Bundesregierung ja auch 500 Millionen Euro zugesagt.

Private Hilfe ist in solchen Krisen unabdingbar, weil sie anders eingesetzt wird. Alles, was vom Staat kommt, braucht auch staatliche Partner vor Ort. Oft haben wir es mit Ländern zu tun, die nicht demokratisch regiert werden, wo es keinen Rechnungshof gibt, dafür aber Korruption und bestimmte Ethnien, die von der Regierung bevorzugt werden. Da kann staatliche Entwicklungshilfe sogar kontraproduktiv wirken. Wir sind dagegen politisch neutral. In Sri Lanka haben wir zum Beispiel ein gutes Verhältnis zu den Tamilen von der LTTE wie auch zur singhalesischen Regierung. Und über unsere Partnerorganisation Sewalanka, die strikt politisch neutral ist, arbeiten wir mit der Zivilbevölkerung zusammen. Das geht auch nicht anders: Wenn man Partei ergreift, gefährdet man die eigenen Mitarbeiter. Es kann aber schon passieren, dass ein Hilfskonvoi von Rebellen geplündert wird. Dagegen ist niemand gefeit.

Fürchten Sie, dass nach der Spendenbereitschaft für Südasien nun das Interesse an den anderen Krisenregionen versiegt?

Wir müssen darüber nachdenken, wie das verhindert werden kann. Es wäre fatal, wenn wir die übrigen Ländern vernachlässigen würden. Ein Sechstel der Menschheit lebt von weniger als einem Dollar pro Tag und hat keinen Zugang zu frischem Wasser. 840 Millionen haben nicht genug zu essen. 25 000 sterben jeden Tag an den Folgen von Hunger, darunter 16 000 Kinder. Wenn man diese Zahlen sieht, relativiert sich auch ein wenig die Katastrophe, die wir miterlebt haben. Es ist wunderbar, dass die Menschen so berührt waren. Aber wir müssen auch daran erinnern, dass es auf der Welt noch viele andere Benachteiligte gibt. Wir hoffen, dass diese Solidarität ein wenig weiter trägt. Deutschland hat ja gerade eine Rüge von der OECD erhalten, weil wir zu wenig für die Entwicklungshilfe tun.

Wo ist die Welthungerhilfe noch aktiv?

Ich habe gerade einen Antrag unterschrieben, dass wir in Darfur im Westsudan in diesem Jahr 250 000 Menschen mit Nahrungsmitteln versorgen. Wir sind an allen Brennpunkten aktiv: Haiti, Nordkorea, Kongo, Burundi, Äthiopien, die Sahelländer, in Sierra Leone führen wir Schulspeisungen durch. Mit der Hälfte unserer Eigenmittel und Spenden sind wir in Afrika engagiert. Die Flut hat gezeigt: Wir müssen den Menschen dort ein Gesicht geben, sie müssen uns berühren. Wir spenden eher an Menschen, die uns in irgendeiner Weise nahe sind. Also müssen wir versuchen, die Lage in Darfur oder Kongo besser zu vermitteln.

War die Flut der Beginn einer Weltinnenpolitik, wie es manchmal hieß, unter dem Dach der Vereinten Nationen?

Ich glaube, dass da noch viel Arbeit und Schweiß hineingesteckt werden muss, damit wir eine UN haben, die auch wirklich helfen kann. Die UN haben ja viele Programme, die schon heute gute Arbeit leisten, aber von einer Weltinnenpolitik kann noch nicht gesprochen werden. Das ist die Vision, die wir haben sollten.

Viele fragen sich, ob sie in die Krisengebiete fahren sollen.

Jeder muss selbst entscheiden, ob er das verkraften kann. Da möchte ich keine Empfehlung geben. Ich selbst könnte zum Beispiel nicht in dem Wasser baden, in dem so viele Menschen gestorben sind. Aber die Länder brauchen natürlich den Tourismus, er muss auch wieder ein wichtiger Wirtschaftsfaktor werden.

Das Gespräch führten Annette Kögel und Moritz Schuller.

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