Zeitung Heute : "Bei uns kommt es auf die Größe nicht an"

THOMAS WIEGAND

Suche nach dem schönsten Bart im Bundestag - "Mein Bart-Vorbild ist Trotzki" VON THOMAS WIEGAND

Bonn (AP) Frauen hatten bei diesem Wettbewerb naturgegeben keine Chance."Wer hat den schönsten Bart im Deutschen Bundestag?", fragte der CDU-Abgeordnete Hans-Joachim Fuchtel und überzeugte fast 20 seiner Kollegen, sich am Dienstag abend in der baden-württembergischen Landesvertretung in Bonn diesem Wettbewerb zu stellen.Die parlamentarischen Bartträger, so merkten dabei Kenner an, hätten vor allem eines: gepflegte Bärte. Die Jury aus amtierenden "Bart-Weltmeistern", gestellt vom Bartclub aus Höfen bei Pforzheim und von der Friseurobermeisterin Roswitha Keppler als "Unbestechliche" geleitet, hatte mit ihrer imponierenden Barttracht aus sorgfältig gebürsteter und gezwirbelter Gesichtsbehaarung von vornherein einen Trost an die Kandidaten: "Bei uns kommt es auf die Größe nicht an", sagte Hans Laxgang, Weltmeister in der Kategorie "Salvador-Dali-Bart".Und Clubvorsitzender Wolfgang Stier versicherte: "Man kann auch mit einem schönen Bart einen ordentlichen Beruf haben." Die Bundestagsabgeordneten, sortiert diesmal nicht nach Parteizugehörigkeit, sondern nach den drei Kategorien Schnurrbart, Kinn- und Backenbart und der "Königsdisziplin" Vollbart, mußten sich im Einzel-Schaulauf der fachkundigen Jury stellen.Mancher gab dabei unerwartetes von sich preis."Der politische Gegner nennt mich gelegentlich liebevoll Lenin", berichtete der SPD-Parlamentarier Gernot Erler (Kinnbart)."Aber mein Bartvorbild ist Trotzki." Die Orientierung an dem russischen Revolutionär half nicht: Erler belegte zwar nach einem Stichentscheid gegen Wolfgang Zöller von der CSU den dritten Platz in seiner Kategorie, hatte aber gegen seinen Parteifreund Alfred Hartenbach keine Chance.Der Schnurrbart ihres Fraktionskollegen Rudolf Bindig überzeugte die Jury, ihm fünfmal die Höchstnote 10 zu geben und den SPD-Abgeordneten zum Sieger seiner Klasse zu erklären.Doch Bindig scheiterte ebenso wie Hartenbach bei der Wahl des "absoluten Bartmeisters" am FDP-Parlamentarier Jürgen Türk aus Brandenburg (Vollbart). "Gegen einen Vollbart hat man keine Chance"
Die erfahrenen Bartträger aus Pforzheim hatten das vorhergesehen."Als Schnurr- oder Backenbart hat man gegen einen Vollbart keine Chance", klagte der Besitzer eines sorgfältig gezwirbelten Oberlippenbartes.Und Wettbewerbs-Organisator Fuchtel mußte für seinen Schnurrbart gar noch Spott hinnehmen: "Ein Bart wie ein Bahnhofsvorsteher - jede Station ein Härle". Die prominentesten Bartträger des Bonner Parlaments fanden sich allerdings nicht unter den Kandidaten.Der SPD-Abgeordnete Wolfgang Thierse sagte wegen eines anderen Termins ab - und andere, sagte Organisator Fuchtel unter Anspielung auf den sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden Rudolf Scharping, "haben sich die Bärte schon vorher abgenommen". Der Höfener Bartclub war mit seinen vier Weltmeistern übrigens nicht ganz uneigennützig nach Bonn gekommen.Vorsitzender Stier ging vor der Wahl den Abgeordneten ganz ungeniert um den Bart: "Unser Hauptkampf ist, die Gemeinnützigkeit zu erreichen." Denn sowohl das zuständige Finanzamt als auch das Oberfinanzgericht hätten das abgelehnt - und den Bärtigen empfohlen, ihr Anliegen in Bonn vorzutragen.

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