Zeitung Heute : „Beide Seiten haben Geiseln genommen“

Nahost-Experte Perthes über die Untaten im Nahostkonflikt

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VOLKER PERTHES (45)

ist Leiter der Forschungsgruppe Naher und Mittlerer Osten der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

Foto: dpa

Ist der vereinbarte Gefangenenaustausch im Nahen Osten ein Signal für politische Entspannung zwischen den verfeindeten Nachbarn Libanon und Israel?

Verhandelt haben mit Hilfe der deutschen Vermittler die Hisbollah und die israelische Regierung. Die Hisbollah hat zweifellos ihre eigene Agenda, handelt aber in solchen Fragen nicht ohne grünes Licht aus Teheran und Damaskus. Der Staat Libanon ist dabei nur ganz am Rande beteiligt, nicht jedoch als Verhandlungspartner. Aber es ist schon ein Zeichen, dass beide Seiten trotz des andauernden Konflikts nicht alle Kontakte abreißen lassen wollen.

Wird dieser Austausch die Hisbollah aufwerten, wird sie dies gar als Signal verstehen, dass es sich lohnt, Israelis zu entführen?

Hisbollah wird dies als Erfolg ihrer militärischen Taktik darstellen – und dazu gehört auch die Entführung von Personen der anderen Seite. Allerdings hat Israel bereits Jahre vor der Entführung des israelischen Geschäftsmannes Tennenboim auch libanesische Geiseln genommen. Diese sollen jetzt ebenfalls freikommen. Diese Formen der Gefangennahme von Zivilisten der jeweils anderen Seite gehören seit langer Zeit zum Repertoire beider Seiten.

Das bedeutet, Israel hat genauso Geiseln genommen, wie es die Hisbollah getan hat?

Ja, wobei eine der Geiseln, Mustafa Dirani, offenbar verantwortlich ist für das Verschwindenlassen des israelischen Navigators Ron Arad. Arad wurde 1986 über dem Libanon abgeschossen. Man gewährte ihm damals keinen Kontakt zum Roten Kreuz und ließ ihn anschließend verschwinden. Das waren Taten, die nach dem internationalen Kriegsvölkerrecht verboten sind.

Wie erklären Sie, dass sowohl Hisbollah als auch Israel die Deutschen als Vermittler akzeptieren?

Es gibt in der Welt nicht sehr viele Staaten, die gleichzeitig intensive und vertrauensvolle Beziehungen zu Iran und Israel unterhalten. Das hat dazu geführt, dass Deutschland nach 1996 jetzt das zweite Mal einen solchen Austausch vermittelt.

Der Schlüssel liegt also im Iran?

Nicht der Schlüssel. Es ist nicht mit den Iranern verhandelt worden. Doch die Hisbollah würde nicht indirekt mit Israel eine solche Vereinbarung aushandeln ohne die Zustimmung Teherans. Und insofern hilft es sehr, dass man in Teheran den Deutschen vertraut und nicht befürchtet, dass man ausgespielt oder vorgeführt wird. Israel hat zu den Deutschen ebenfalls ein vertrauensvolles Verhältnis, auch wenn seine Beziehungen zu anderen europäischen Staaten gespannt sind.

Welches Interesse hat Syrien an einem solchen Gefangenenaustausch?

Syrien steht dem positiv gegenüber, weil es selbst Interesse daran hat, die Verhandlungen mit Israel wieder aufzunehmen. Allerdings sind die Gespräche zwischen Hisbollah und Israel nicht schon Bestandteil von politischen Verhandlungen zwischen Israel und Syrien. Aber der Gefangenenaustausch könnte ein erster kleiner Schritt zur Herstellung von Vertrauen zwischen Tel Aviv und Damaskus sein.

Das Gespräch führte Martin Gehlen.

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