Zeitung Heute : Beifall - für wen?

WALTHER STÜTZLE

Es gibt Momente, da gilt es, das Land hochzuhalten, nicht den Machtkampf.Der Bericht zur "Lage der Nation" gehört dazu.Beklatscht wird vor den Fernsehaugen der Welt der Präsident, nicht ein Parteimann namens ClintonVON WALTHER STÜTZLESchon am Anfang seiner zweiten Amtszeit blickte mancher auf das Ende.Als jüngster Präsident a.D.werde Clinton im Januar 2001 das Weiße Haus verlassen.Freunde der Statistik hatten das herausgefunden.Doch Politik ist anders.Das Mögliche muß nicht das Wahrscheinliche sein.Und die Oberfläche läßt selten auf das Verborgene schließen.Stehend dargebrachte Ovationen für Bill Clinton prägen zwar die Fernsehbilder.Doch sie bekunden nicht mehr, als daß die Klatschenden aufgestanden sind, statt sitzen zu bleiben.Wären sie sitzen geblieben, die Senatoren und Mitglieder des Abgeordnetenhauses, wäre der Dollar gestürzt.Windschnuppernde Spekulanten hätten Applausschwäche in Kursschwäche umgemünzt.Es gab keinen Grund, der Welt diesen kostspieligen Zusammenhang vorzuführen.Es gibt Momente, da gilt es, das Land hochzuhalten, nicht den Machtkampf.Der Bericht zur "Lage der Nation" gehört dazu.Beklatscht wird vor den Fernsehaugen der Welt der Präsident, nicht ein Parteimann namens Clinton. Clinton hat die Gunst der Stunde genutzt.Kraft- und lustvoll hat der Präsident den Zustand der amerikanischen Nation präsentiert.Und entschlossen hat der vormalige Gouverneur sein eigentliches Thema wiederbelebt, Stand und Zukunft der sozialen Sicherheit für die Normal-Amerikaner.Die Mehrzahl seiner Amtskollegen in der Alten Welt dürfte den Mann im Weißen Haus ob der Möglichkeit beneiden, die Vorlage eines ausgeglichenen Budgets anzukündigen.Nicht nur in Bonn haben Regierungschef und Finanzminister längst vergessen, wie so ein Dokument wirtschaftlicher und finanzieller Solidität überhaupt aussieht.Und auch die Zahl der neu geschaffenen Arbeitsplätze gibt Grund zur Zufriedenheit.Amerika zählt heute weniger als fünf Prozent Arbeitslose, die Europäische Union wird von mehr als 10 Prozent geplagt.Daß alles in Ordnung sei, hat Clinton nicht behauptet.Aber daß Amerika sich auf dem Weg der gründlichen Besserung befindet, das hat der Präsident zu Recht und ausführlich dargestellt - und zwar als Bilanz seiner Politik.Ausweislich der Zahlen wäre wortreiches Eigenlob gerechtfertigt gewesen.Wer Clintons Leistungen mit dem Zahlenfutter von Erfolgsmeldungen vergleicht, die hierzulande feilgeboten werden, möchte gar von präsidentieller Bescheidenheit sprechen. Amerika ist stark, sagt Clinton.Und das stimmt.Von Rückzug aus Asien keine Spur.Im Gegenteil.Die Rolle der USA ist gewachsen.Singapur wird neuer Marinestützpunkt, und Clintons China-Strategie rangiert zwischen mutig und riskant.Nur Amerika gilt als fähig, die Vielzahl der asiatisch-pazifischen Kräfte im Gleichgewicht zu halten.Auch in der NATO bestimmt Washington Ton und Richtung.Europa wagt nicht, sich die Feuerwache in Bosnien ohne amerikanische Teilhabe auch nur vorzustellen.Geld und Engagement für den Aufbau der postkommunistischen Gesellschaften in Europa, auch in Rußland, kommen überwiegend aus Europa.Doch über neue NATO-Mitglieder wird im Weißen Haus und im amerikanischen Senat entschieden.Und das geht schneller und klarer als der Eintritt neuer Mitglieder in die EU.Selbst gegenüber Saddam Hussein erweist der gelernte Gouverneur sich als beinharter Erbe von George Bush.Nur weltfremde Theoretiker glauben, Clinton habe nicht die Macht und nicht den Willen, notfalls militärisch gegen Saddam Hussein vorzugehen.Man muß hoffen, daß Saddam diesem Irrtum nicht unterliegt.Als Weltmacht ist Amerika konkurrenzlos, befindet Clinton.Das ist richtig und mit sein Verdienst.Und doch tut er recht, das Urteil nicht auf sich selbst zu übertragen.Dazu wühlen zu viele Neider und selbsternannte Verteidiger von Wahrheit und Moral in der großen Wunde seiner Schwächen.

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