Zeitung Heute : Beiläufig weltläufig

Robert von Rimscha

Es ist einer dieser Termine, bei denen der Bundespräsident eine kurze Aufwartung macht. Von Amts wegen. Bei einem Empfang am Wannseeufer erklärt der Veranstalter, man werde sich später zum Tanzen gen Charlottenburg aufmachen, "in den Westteil der Stadt". Das ist etwas für Johannes Rau. Er nimmt den harmlosen Patzer des Nicht-Berliners auf und sagt in sonorem Bariton, mit schelmischen Seitenblicken: "Aha. Das ist ja hochinteressant, geografisch. Der gesellige Teil also im Westen." Pause, noch ein verschmitzter Kontakt mit den Augen. "Fahren Sie nicht zu weit!"

Zwischentöne, Andeutungen, Blicke - Rau als Redner ist sich treu geblieben. Er verletzt nicht, er stößt sacht an. Aber wie weit er, im übertragenen Sinne, selbst in den Westen fahren würde, diese Frage richtet sich auch an ihn. Denn keiner ist so wie er tief im Westen verwurzelt, wo er zwanzig Jahre Ministerpräsident war, mehr Präsident als Minister. "Wir in Nordrhein-Westfalen" war sein Motto, seit zweieinhalb Jahren überträgt er das Wir auf sein Amt. Und da wollte er, wie vordem, von Anfang an nicht spalten, sondern versöhnen. Auch das ist so ein Motto, das mit seiner Persönlichkeit eins geworden ist.

Und wie er redet! Würde jeder Deutsche Johannes Rau auch nur 30 Minuten lang daheim im Wohnzimmer empfangen können - sie würden ihn verehren, vielleicht mehr noch, lieben. So gut hört er zu, so freundlich geht er mit Menschen um. Seine Aura ist Wärme.

Nur war die Frage, zum Schluss in Düsseldorf, zum Beginn in Berlin, ob das reicht. Ist ein netter, alter Herr, der einfach schon immer da war, der alles gesagt hat und dann oft das allzu Richtige, ist der richtig in Zeiten, in denen alles sich ändert? Und zwar in einer Weise und Schnelligkeit ändert, dass alte Gewissheiten verloren gehen und es nicht mehr so leicht ist zu sagen, was richtig ist. Ist da Humor die Antwort auf neue Herausforderungen? Zur Halbzeit im Amt bietet Rau, wie es seine Art ist, eine bedachte, aber nur eine vorläufige Antwort. Ja, findet er. Er will mit Humor und dem Willen zu verstehen, die Teile, die er sieht, miteinander verbinden, um Sinn zu stiften. Verbinden will er - versöhnen ist für diese Zeit vielleicht auch das falsche Wort. Dafür vertraut er auf seine Erfahrung und seine ganze Routine im Umgang mit Menschen und wechselnden Zeitläufen. Er hat alle die unterschiedlichen Traditionen, die er in Jahrzehnten als Politiker kennen gelernt hat, selbst gestaltet hat, mit nach Berlin gebracht. Was kann ein Staatsoberhaupt mehr bieten? Zweieinhalb Jahre im Schloss Bellevue hat er jetzt hinter sich, seine Reputation ist nach schwierigem Start Monat um Monat gewachsen. Das Wir-Gefühl, das er fördern will, ist politisch geworden; Johannes Rau ist wieder politisch geworden. Er wollte sich zurückhalten, er war doch so lange Ministerpräsident. Er wollte nicht Überkanzler sein, nicht Abkanzler, höchstens einmal - bei der Gentechnik - Gegenkanzler. Am liebsten aber war er, ganz wie sein überlebensgroßes Vorbild Gustav Heinemann, Bürgerpräsident. Und nun, da er nach Reden zur Einwanderung, zur Fremdenfeindlichkeit, zur Gentechnik auf dem Weg ist, wo er die Gesellschaft, die sich über harte Sachfragen zu spalten droht, zusammenführt - genau in dem Moment wird über seine Nachfolge geredet. Es komme die Zeit für eine Sozialdemokratin an der Spitze, denken einige in der Partei, für die Nachfolge steht Renate Schmidt bereit.

Rau schließt eine zweite Amtszeit nicht aus. Aber weil er nicht selber spalten will, auch nicht seine eigene Partei, die SPD, spricht er darüber, dass die nächste Phase seines Lebens dem Sammeln und Sichten, "dem Abrunden" dienen solle. Das klingt nur weich, ist aber klug bedacht. Denn die Phase, von der alle reden, beginnt erst in zweieinhalb Jahren. Erst kommt das Amt. Eines, das er gern und pflichtbewusst ausfüllt.

Das Amt. Es hat zwei Teile. Der erste Botschafter Deutschlands im Ausland zu sein, ist der eine. Das Verhältnis zu Israel war ihm eine besondere Herzensangelegenheit. Seine Knesset-Rede, die ersten deutschen Worte dort überhaupt, gilt ihm selbst als Meilenstein. Vor fremdländischem Publikum formuliert Rau seine Botschaft am deutlichsten, wenn er nach seinem Bild von seinem Land gefragt wird. "Wir Deutsche haben ein gebrochenes Verhältnis zu Symbolen", sagt er. "Was uns fehlt, ist ein unbefangenes Verhältnis zu unserem Staat - nicht zu unserem Land." Bei allzu vielen Deutschen stehe die Identifikation mit ihrer Region an erster Stelle. Gleichzeitig mahnt er beständig gegen jede Großmannssucht. "Wenn Europa eine Nummer Eins hat, gibt es kein Europa. Dazu ist Europa selbst zu spannungsvoll." Er bleibt in seiner Tradition: Nie Nationalist, immer Patriot wolle er sein, hatte Rau bei seinem Amtsantritt gesagt.

Auslandsreisen sind die nobelste Form von präsidialem Stress. Aus Südafrika und Mali kommt er heute zurück, nebenbei hat er noch Geburtstag gehabt, den 71. am 16. Januar, bald geht es weiter nach Salt Lake City, "um zu sehen, ob wir Deutsche wirklich so gut sind, wie wir immer behaupten", sagt Rau. So ist sein Spott: Er verletzt nicht, er soll nachdenklich machen. Ob er deshalb beim ersten Mal Lacher erntet, beim zweiten Mal, einem Empfang ein paar Stunden später, in die Stille spricht? Rau hält das aus. Er kann auf seine Wirkung warten.

Beobachter umringen ihn, und zu den Medien hat er kein ungebrochenes Verhältnis. Gerade hat er ihnen beschieden: "Zur besonderen Freude gehört die Begegnung mit Journalisten, solange man sie noch nicht gelesen hat." Er liest indes alles. Er sieht sich selbst im Spiegel der Berichterstattung, er kokettiert mit dem Image, das er über sich selbst verbreitet findet, und deshalb auch antwortet er einem jungen Amerikaner, der ihn fragt, wie er denn anzusprechen sei: "Es gibt welche, die sagen Bruder Johannes!"

Er sagt von sich selbst, "nicht nur die Rolle des Grüß-Gott-Onkels" einnehmen zu wollen. Und er meint, der Bundespräsident habe "nur die Kraft des Wortes". Das ist der zweite Teil seines Amtes: Die Orientierungssuche der neuen Republik nachzuvollziehen, und sie dann zu lenken und zu leiten. Es hilft ihm sein Rollenverständnis, das er aus seinen Traditionen bezieht. Und aus den Erfahrungen mit seinen Amtsvorgängern. So hat er die deutsche Geschichte erlebt: Der erste Bundespräsident Theodor Heuss - das war jener, der im siebten Amtsjahr den ersten Staatsbesuch absolvierte. Wie hat sich das geändert! "Ich muss abwehren, dass es mehr als zehn im Jahr werden." Heinrich Lübke: Das war das Engagement für die Entwicklungshilfe. Gustav Heinemann: sein Mentor, der Bürgerpräsident, der die Freiheitsrechte in den Mittelpunkt stellte. Walter Scheel: die Ostpolitik. Karl Carstens: Deutschland und die Welt.

Richard von Weizsäcker, die Ansprache zum 8. Mai: "Es ist ganz merkwürdig, wie ihm durch eine Rede so viel Profil zuwuchs, dass alles andere, was er ja auch geleistet hat, beinahe in den Hintergrund gedrängt wurde." Roman Herzog: der Unbefangene, der Streiter wider die Steifheit, der auch mal "bewusst ärgerliche Reden" hielt.

Und er? Was macht ihn aus? Die Fähigkeit, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Es gibt eine Zeit zu warten und eine Zeit zu handeln - keiner kennt sich darin besser aus als er. In dieser Fähigkeit liegt seine Härte. Sein Verhältnis zum Kanzler und Parteifreund Schröder ist besser als das zwischen Richard von Weizsäcker und Helmut Kohl, aber eng ist es nicht, weil Rau als Präsident sich für das Handeln durch Worte entschied - gegen Schröder. Rau drückt es aus durch Auftritte, die der Devise gehorchen, dass ein Bundespräsident seine "Akzente dadurch setzt, wohin er geht und wohin er nicht geht". Er geht dann gerne vor ein Rednerpult.

In der Debatte über die Einwanderung bezog er eine linksliberal-tolerante Position, den Grünen näher als der SPD. In der Gentechnik riskierte er im Mai 2001 den Dissens mit Schröder: Er, der gesellschaftliche Ziele vom Primat der Menschenwürde ableitet, ist gegen eine freie Bahn für die Forschung und riskiert sogar den Vergleich mit dem Nationalsozialismus, dessen hypermoderne Seite die völlige Wertfreiheit eines entfesselten Fortschritts gewesen sei.

Und dann ist da der 11.September. Da hat er in Leipzig eine Rede gehalten, in der er mehrfach betonte, der fundamentalistische Terror speise sich natürlich nicht aus Armut und sei auch nicht das Produkt einer unfairen Weltwirtschaftsordnung. Dennoch war sein Vortrag zweigeteilt, 50 Prozent Kampfgegen den Terror, 50 Prozent Milderung der Folgen der Globalisierung. Die Verknüpfung stellt er über jene her, die nicht selbst Flugzeuge in Hochhäuser lenken, sondern die sich klammheimlich darüber freuen. Für die fordert er Engagement, Entwicklungshilfe, den Verzicht auf westliche Dominanz.

Und man soll über seine freundliche Art nicht seine Standfestigkeit bezweifeln. Gleich nach den Anschlägen, als er mit US-Botschafter Dan Coats am Brandenburger Tor sprach, war sie unüberhörbar. Der Amerikaner sprach von Kampf und Krieg - Rau kein einziges Mal. Er sprach von Frieden.

Der Präsident hat gerade in diesem Fall darauf geachtet, ob er mit seiner Meinung den Bürgern nahe kommt. Er kam ihnen näher als der Kanzler. Vielleicht deshalb: Wenn Moral und Toleranz sich nicht decken, wenn Ethik und Liberalismus in Widerspruch geraten, ringt Rau um Antworten. Er sucht sie, stellvertretend. In der Suche liegt Versöhnliches. "Der gute Mensch aus Wuppertal", wo er noch immer "bestimmt tausend Namen" kennt, ist in diesen Zeiten wie die Mehrheit der Bürger: Er hofft auf Zeichen der Harmonie. Nur: Er versucht, sie zu setzen.

Sein neuer Sprecher Klaus Schrotthofer sieht Rau als Sozialliberalen. Da fehlen die anderen Facetten: das Evangelische, das Oberbergische, das Korporatistische. Die Freundschaft zu Israel. Das beiläufig Weltläufige. So hat ihm das jahrzehntelang gepflegte Netz zu kirchlichen Organisationen in der Welt gerade in Südafrika geholfen, wo er den Kontakt zu Basisgruppen dem entgegenstellte, was er offiziell zu hören bekam. Aus der beinahe ständisch verfassten SPD-Welt in seiner nordrhein- westfälischen Heimat hat er den Glauben an den Konsens mitgebracht - der notfalls auch herbeigezwungen wird. Das ist Johannes Rau als Bundespräsident: Nur seine Worte klingen manchmal weich.

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