Beilage Humboldt-Universität 2014 : Bis zur inklusiven Uni ist es noch ein Weg

Unsichtbare Barrieren überwinden: Bis zur inklusiven Uni ist es noch ein Weg

Johannes Metternich
Unterstützend. Im Grimm-Zentrum gibt es einen Raum für Sehbehinderte.Foto: Martin Ibold
Unterstützend. Im Grimm-Zentrum gibt es einen Raum für Sehbehinderte.Foto: Martin IboldFoto: alle Rechte

„Dafür habe ich gekämpft“, sagt Johanna und deutet auf den Aufkleber auf der Glastür vor ihr. Er zeigt ein Auge, weiß nachgezeichnet auf schwarzem Grund. Johanna kramt den Schlüssel hervor, den sie vom Pförtner bekommen hat, schließt die Tür auf und betritt ihr kleines Reich im Grimm-Zentrum: den „Arbeitsraum für sehbehinderte und blinde Studierende“.

Johannas Sehkraft beträgt zwischen zwei und fünf Prozent, je nach Tagesform und Wetterlage. Sie sieht die Welt nicht als Gebilde aus scharfen Konturen, Ecken und Kanten, sondern aus Farben, Kontrasten und Gedankenketten. Rote Ampeln leuchten für sie kräftiger als grüne, wenn sie in einem Café einen Stuhl erkennt, weiß sie, da kann der Tisch nicht weit sein. Seit 2005 studiert sie an der HU, im September hat sie ihre Masterarbeit im Fach Sozialwissenschaften eingereicht. Thema: „Hochschule für alle“ – eine Arbeit über Inklusion an der HU. Die separate Arbeitskabine im Grimm-Zentrum wird sie daher wohl bald nicht mehr besuchen müssen.

Der Raum ist üppig ausgestattet mit technischem Gerät. Auf der Tastatur des Computers sind die Buchstaben stark vergrößert. Daneben steht ein Bildschirmlesegerät, das gedruckte Texte oder Bilder auf einem großen Monitor um ein Vielfaches vergrößert. Außerdem gibt es einen Scanner und einen Drucker, der Dokumente in Blindenschrift ausdruckt.

„Hochschule für alle“ – ist dieses Konzept angesichts solch umfassender technischer Hilfe an der HU Wirklichkeit geworden? „Mit dem Studium an sich hatte ich selten Probleme. Wenn ich mal ein Modul wiederholt habe, dann eigentlich nur, weil es mich so besonders interessiert hat.“ Bei Prüfungen bekam sie Arbeitsblätter mit vergrößerter Schrift und mehr Bearbeitungszeit für die Aufgaben, an ihrem Institut wurde ein Bildschirmlesegerät angeschafft. Die meisten dieser Dinge regelte sie unkompliziert mit den Dozenten, der Fachschaft oder der Institutsleitung, die Verständnis zeigten und ihr entgegenkamen.

Und doch: Trotz Lesegeräten und größeren Schriften wünscht sich Johanna oft ein Umdenken in der Universitätsverwaltung, bei Dozenten und nicht zuletzt auch Studenten. Besonders zu Beginn ihres Studiums hat sie sich mehr Unterstützung seitens der Universität erhofft. „Zwar gab es für uns sehbehinderte Studierende Beratungs- und Informationsveranstaltungen, aber ich hätte mir einen Mentor gewünscht, jemand, der mir in meiner ersten Zeit an der Universität beiseite steht.“ Nach einiger Zeit hat sie vom Studentenwerk einen Studienassistenten gestellt bekommen, der ihr zum Beispiel bei der Büchersuche in der Bibliothek geholfen hat.

Die Formulierung „Behinderte“ vermeidet Johanna bewusst. Als sie vor dem Arbeitsraum stand und sagte, sie habe „dafür“ gekämpft, meinte sie nicht den Raum selbst, denn der wurde ohne ihr Zutun geschaffen. Sie meinte das aufgeklebte Zeichen an der Tür, das den Raum als explizit für Seheingeschränkte ausweist. Vorher sei dort das Symbol eines Rollstuhlfahrers gewesen, als allgemeines Zeichen für Menschen mit Behinderung. Aus Johannas Sicht ein verallgemeinerndes Zeichen. Durch zu allgemeine Symbole und Ausdrücke würden Menschen unsichtbar, deren Einschränkungen nicht so offensichtlich sind wie ein Rollstuhl.

Johanna verlässt den Arbeitsraum und macht sich auf den Weg nach draußen, geht an ihr Schließfach. Sie nutzt ein Fach, das für Studenten mit Behinderung ausgewiesen ist – hier gekennzeichnet durch das Symbol des Rollstuhlfahrers. Kaum öffnet sie ihr Fach, blafft ein Student sie von der Seite an: „Du weißt schon, dass das nur für Rollstuhlfahrer ist, oder?“ – „Nein, auch für mich“, erwidert Johanna.
- Die ganze Geschichte und weitere Texte lesen Sie in der Jubiläumsausgabe der UnAufgefordert zum Thema „Freiheit“ ab dem 17. November 2014.

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