Beim Bundespräsidenten : Ostfildern trifft die DDR

Zwischen Ostfildern bei Stuttgart und der DDR liegen rund 500 Kilometer und 18 Jahre. Für die Schüler der 9. Klasse der Erich-Kästner- Schule liegen gar Sein und Nichtsein dazwischen: Als die DDR das Zeitliche segnete, waren sie noch gar nicht geboren.

An diesem heißen Dienstagvormittag sitzen sie im Schloss Bellevue, um mit Leuten zu sprechen, die sich noch sehr lebhaft an die DDR erinnern. Und die, weil sie sich dort unfrei und bevormundet fühlten, diesen Staat zunächst verändern wollten – ehe sie merkten, dass die meisten um sie herum keine gewendete, sondern gar keine DDR mehr wollten: die Mitbegründerin oppositioneller Netzwerke Ulrike Poppe; der frühere Pfarrer Markus Meckel, der am 7. Oktober 1989 die ostdeutsche sozialdemokratische Partei mit ins Leben rief; Joachim Gauck, der als Pfarrer in Rostock 1989 die Protestzüge vor die Stasi-Dienststelle anführte; Uwe Schwabe, der in der Leipziger Oppositionsszene aktiv war und die Montagsdemos mitorganisierte.

Auch Robin aus dem Magdeburger Albert-Einstein-Gymnasium ist mit seiner 11. Klasse zu diesem nunmehr fünften Zeitzeugengespräch gekommen, das von Bundespräsident Horst Köhler und der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gemeinsam veranstaltetet wird. Obwohl auch Robin erst 1990 geboren wurde, rückt die DDR ihm mitunter ziemlich nahe. Sein Vater saß eine Weile im Gefängnis, weil er über Ungarn rübermachen wollte. Ja, über die DDR werde zu Hause häufig gesprochen, sagt er. Eine Mitschülerin hat andere Erfahrungen: So oft ist das gar nicht Thema. Und es gibt ja auch ganz andere Meinungen darüber.

Das kann wohl auch Ulrike Poppe nachempfinden. Sie selbst wurde 13 Mal festgenommen, sie und ihr Mann wurden von der Stasi fotografiert, abgehört, 85 IM waren auf sie angesetzt. Aber: „Nicht alle litten in der DDR unter dem Mangel an Freiheit. Wer sich nicht bewegt, spürt die Fesseln nicht. Es haben sich nicht alle bewegt“, sagt sie.

Haben sie die Freiheit erreicht, die sie einst eingefordert haben? Warum sind sie nicht in den Westen gegangen wie andere? Hat auch Herr Gauck eine Stasi- Akte? Alle Fragen werden beantwortet. Und nach den von Tagesspiegel-Herausgeber Hermann Rudolph moderierten 90 Minuten ist wohl ein wenig von dem gewachsen, was der Bundespräsident anfangs betonte: Respekt vor denen, die allen Einschüchterungen zum Trotz Missstände beim Namen nannten und für Menschenrechte protestieren – und das eben „keineswegs in dem sicheren Bewusstsein, dass es mit dem DDR-Regime bald vorbei sein würde“.sc

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