Zeitung Heute : Beim Fernsehen muss der Axel Springer Verlag weiter auf Erfolge warten

Ulrike Simon

Vor zwei Jahren gab August A. Fischer, Vorstandschef des Axel Springer Verlages, eine neue Parole aus: der deutsche Zeitungsverlag müsse dringend zum internationalen Medienhaus umgebaut werden. Die Weichen dazu sollte Stephen Barden stellen. Der in Tansania geborene Ex-Manager des US-Australiers Rupert Murdoch schien dem Internationalität liebenden Fischer der Richtige zu sein. Barden wurde "Sonderberater des Aufsichtsrates und Vorstandsvorsitzenden", Geschäftsführer von Axel Springer TV Production und Vorstandschef von Axel Springer TV International in London. An diesem Unternehmen beteiligte sich Barden mit 15 Prozent. Die kauft Springer jetzt zum Preis von einer symbolischen Mark zurück. Am 1. Mai verlässt Barden das Haus. Zwar verfügt Springer dank ihm heute über Produktionsfirmen. Das Ziel, den Springer-Journalismus ins TV zu übertragen, bleibt aber unerreicht.

Barden krempelte die gesamte elektronische Springer-Abteilung um, fädelte die Mehrheitsbeteilungen an den Produktionsgesellschaften Schwartzkopff und GRB Entertainment mit ein und realisierte damit die Strategie, Springer zum Großlieferanten von Fernsehprogramm zu machen. Zu seinem Geschäft gehörten auch die Konzeption und Realisierung des ersten eigenen TV-Magazins, nach dem Vorbild des CBS-Formats "60 Minutes". Dieses pro Folge 400 000 Mark teure, als investigativ angekündigte "Newsmaker" wird kurz vor Vollendung des ersten Sendejahres heute abend mit Themen wie "Weg mit dem Speck - Welche Diät hilft wirklich?" letztmals zu sehen sein. Gerd Berger hat Recht behalten: Erst werde investigativer Journalismus angekündigt, "dann kommt man ins Rudern, weil die Quote nicht stimmt, und schließlich landen sie bei Storys über Ballermann 6", weissagte der frühere Pro 7-Chefredakteur vier Wochen nach dem Sendestart im "Spiegel". Bald darauf trieb Jürgen Drews, Mr. Ballermann himself, bei "Newsmaker" sein Unwesen, und Sat 1 senkte die Spotpreise.

39 Jahre sind vergangen, seitdem Verlagsgründer Axel Cäsar Springer erstmals Verleger-Fernsehen forderte. 1964 wollte er das ZDF kaufen. Es sollte noch 20 Jahre dauern, bis Sat 1 auf Sendung ging. Springer war von Anfang an mit an Bord jenes Senders, bei dem Leo Kirch die Führung zu übernehmen wusste. Kirch, der sich auch bei Springer einzukaufen verstand. Der Streit zwischen den Sat 1-Gesellschaftern dauerte Jahre. Ein Ende fand der Kleinkrieg, als der Vorstandsvorsitzende Jürgen Richter das Verlagshaus verließ. Heute steht Fischer an der Verlagsspitze, zwischen dem Filmeinkäufer und dem Verlag scheint Friede zu herrschen.

Im Juni 1998 kündigte der neue Vorstandschef den Ausbau des Zeitungshauses zum TV-Programmlieferant mit europäischem Anspruch an. Neben täglichen Talkshows der Produktionsfirma Schwartzkopff ("Sonja", "Andreas Türck", "Jörg Pilawa") sowie Filmen und Formaten weiterer Firmen, die der Verlag im Lauf des vergangenen Jahres zusammenkaufte (Gesamtumsatz: circa 250 Millionen Mark), wollte Springer vor allem eigene Formate entwickeln, eigene journalistische Kompetenz einbringen. Eine Idee, die zuletzt 1996 im Fall von "Bild TV" gescheitert war. Die Gesellschafter konnten sich damals nicht einigen, wer bei "Bild TV" größeren Schaden nehmen würde. Sat 1 wegen schlechter Quoten oder die finanzielle Melkkuh des Verlages, die bei einem reißerischen TV-Ableger um ihr gerade seriöser gewordenes Image hätte fürchten müssen.

Fischer kündigte wieder TV-Ableger zu den Printmarken an. "Newsmaker" sollte beweisen, dass Springer wie kein anderer die Kompetenz für journalistische TV-Formate besitzt. "Noch sind wir diesen Beweis schuldig", gibt heute Ralf Kogeler, bei Springer für elektronische Medien zuständiger Vorstand, zu. In der Branche heißt der Tipp "Springer, bleib bei Deinen Leisten".

Glücklicherweise hatte keiner den Mut, das Format unter dem Titel einer der Springer-Zeitungen laufen zu lassen. Dennoch ist der Imageschaden nicht zu bestreiten. Und die Angst, eine Printmarke für einen TV-Ableger herzugeben, ist größer denn je. "Wir arbeiten an verschiedenen Konzepten, es geht nicht darum, eine Print-Marke ins Fernsehen zu bringen", sagt Ralf Kogeler mittlerweile vorsichtiger. Der Springer-Vorstand, der das Ressort Elektronische Medien abgeben und im Januar 2001 Finanzvorstand wird, widerspricht damit seiner eigenen Ankündigung vom August 1999. Neben dem Ausbau der TV-Produktionen und dem für 2000 geplanten Start eigener Pay-TV-Angebote stellte auch er die Platzierung von Springer-Printmarken im TV in Aussicht. Heute lautet seine Devise: "Wichtig ist uns, gemeinsam ein klares Konzept für ein TV-Format zu definieren. Erst danach entscheiden wir, ob wir darauf eine Printmarke setzen." Und auch danach braucht Springer erst noch einen Sender, der das Ganze ausstrahlt "und eine Geschäftsführung, die das Format will, sonst klappt es nicht".

Bei "Newsmaker" konnte Springer noch Druck ausüben auf Senderchef Fred Kogel und Chefredakteur Jörg Howe. Dieser Druck wird nach dem Flopp nachlassen. Zumal die Sender-Großfamilie mit Pro 7 ansteht, die Controller von Boston Consulting derzeit den Sat 1-Unternehmenswert berechnen und sich der Springer-Verlag seine weitere Strategie überlegen muss. Soll sich der 41-Prozent-Gesellschafter vom Sendergeschäft verabschieden, nachdem er bei Sat 1 bereits 300 Millionen Mark versenkte? Wäre eine Beteiligung an der neuen Senderfamilie mehr als eine Kapitalanlage ohne Einflussmöglichkeiten? Bei Sat 1 waren die Kompetenzen zuletzt getrennt. Springer redete Kirch beim Fiction-Bereich nicht rein und konnte dafür im Non-Fiction-Bereich wirken. Was aber, wenn der Nachrichtensender N 24 nicht nur Pro 7 und Kabel 1, sondern künftig auch Sat 1 beliefert? "Die Senderfamilie wird an Springer nicht scheitern", proklamiert Kogeler.

Springer wird weiter Fernsehen machen. Geplant sei laut Kogeler ein E-Commerce-Kanal im Pay-TV mit verlängertem Internet-Auftritt. Außerdem wolle man mit Schwartzkopff "in Richtung Entertainment gehen", eine Unterhaltungsshow realisieren. Vielleicht taucht ja dort wieder ein bekanntes "Newsmaker"-Gesicht auf.

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