Zeitung Heute : Beim Teufel wächst sogar der Riesling

KLAUS THIELE

Die Insel Tasmanien ist Australiens grünes AnhängselVON KLAUS THIELE

Für ein Stück Fleisch vergißt sogar der Teufel schon mal seine Gewohnheiten.Eigentlich wird er nämlich nur nachts aktiv.Aber dem Köder der abendlichen Wildfütterung in der Cradle Mountain Lodge kann der Raubbeutler mit den spitzen Raffzähnen nicht widerstehen.Fauchend schleicht er auf den Leckerbissen zu und macht die auf der Plattform gleich hinter der Tavern Bar wartenden Urlauber geradezu euphorisch.Den Tasmanischen Teufel nicht leibhaftig gesehen zu haben, das wäre nämlich eine böse Schlappe, denn es gibt dieses eher häßliche Wesen nur auf Tasmanien.Und Tasmanien liegt, wie die Australier sagen, "under down under", was soviel heißt wie ziemlich weit aus der Welt.Wer so weit reist, der will dafür natürlich teuflisch belohnt werden. Tasmanien ist Australiens grünes Anhängsel, eine Insel von der Größe Bayerns, 240 Kilometer südlich des "Roten Kontinents" gelegen."Tassie" ist ganz anders als alles, was man sich unter Australien vorstellt.Mal wähnt man sich im ländlichen England, dann eher in Skandinavien.Auf endlosen Grasteppichen weiden Schaf- und Rinderherden, dann wieder fährt man durch dunkle Wälder, kommt sogar durch Weinbaugebiete, in denen ein durchaus nobler Chardonnay und Riesling reift, oder zu Apfelplantagen, die Tasmanien den Beinamen "Apple Island" eintrugen.Einen gänzlich uneuropäischen Kontrast bilden vom Regenwald überwucherte Berge.Vor allem im Südwesten gibt es endlose, völlig unerschlossene Wildnisgebiete, in die sich teilweise noch nie ein Mensch vorwagte.Vielleicht leben dort sogar noch ein paar der legendären Tasmanischen Tiger, die seit 1933 als ausgestorben gelten, aber immer noch durch die Erzählungen geistern wie in Schottland das Ungeheuer von Loch Ness. Die ersten Touristen aus Europa hatten an der wilden Schönheit der Insel wenig Freude.Die Briten machten Tasmanien, nachdem Captain Cook es 1777 für die Krone in Besitz genommen hatte, zunächst zur Sträflingskolonie.Erst ab 1827 kamen die ersten freien Siedler.Auch die Hauptstadt Hobart begann 1802 ihre Karriere als Gefängniscamp.1830 wurden alle Deportierten in Port Arthur zusammengezogen.1200 "Convicts" wurden von 1000 Bewachern in Ketten zum Holzfällen in die Wälder getrieben.Wer die fünfmonatige Schiffsreise überstand, auf den wartete in Port Arthur die elendigste Hölle, aus der weit über 90 Prozent der Männer nie heimkehrten.Eine Flucht von der an der Landenge Eaglehawk Neck durch einen Kordon von Bluthunden gesicherten Halbinsel war so gut wie unmöglich.Auf einem Rundgang durch die 1877 aufgelöste, teilweise als Touristenattraktion rekonstruierte Deportiertenkolonie erzählt der Führer mit fast sadistischer Freude Schauergeschichten über Auspeitschungen und Isolationsfolter, daß es einem kalt über den Rücken läuft.Wie gruseln sich da wohl erst die Teilnehmer der nächtlichen "Ghost Tours" durch das grausame Knastrevier. Wer heute zum Teufel fährt, landet natürlich nicht in der Hölle, sondern auf Australiens "Holiday Isle", wie man auf allen Autokennzeichen lesen kann.Der Tourismus ist für Tasmanien inzwischen wichtiger als Viehzucht und Landwirtschaft oder die Fischerei, die Tasmaniens Küche durch gewaltige Mengen von Hummern oder den Tiefseefisch Trevalla bereichert. Es wird immer ein "sanfter", individueller Tourismus bleiben.Typische Unterkünfte sind die Lodges in den Nationalparks, wo man wie in der Lemonthyme Lodge mit dem "größten Blockhaus der südlichen Hemisphäre" in behaglichen Holzhäusern wohnt - stets mit ausreichend Kaminholz versorgt. Das braucht man bisweilen dringend, wenn es zum Beispiel im Cradle Mountain-Lake St.Clair Nationalpark regnet oder gar schneit und man patschnaß von der Kanutour auf dem Murchison River mit anschließender Wanderung durch dichten Farnwald zum Montezuma-Wasserfall zurückkehrt.Da stellt sich sogar das Wallaby, die kleinere Känguruh-Variante, auf der Terrasse des Blockhauses unter, damit das Baby mal aus dem Beutel lugen kann, ohne dicke Regentropfen abzubekommen.Wer solch drolligen Besuch bekommt, mag abends sein "Wallaby Carpaccio" kaum mehr anrühren. Im zentralen Hochland, wo es 297 Regen- und 58 Schneetage gibt, muß sich jeder entscheiden, ob er lieber bequem um den Lake Dove unterhalb einer eindrucksvollen Bergkulisse wandert oder sich als harter Bursche sechs Tage lang auf dem 85 Kilometer langen Overland Track durch die Wälder schlägt.Für diesen populären Buschpfad muß man wirklich zünftig ausgestattet sein - einschließlich Salzstreuer, um die netten Blutegel wieder loszuwerden. Da wirkt der Freycinet Nationalpark im regenarmen Osten der Insel geradezu lieblich.Die Halbinsel mit dem Granitmassiv der Hazards bietet grandiose Ausblicke wie den in die Wineglass Bay und menschenleere Sandstrände - die "Tassies" baden, wie sie zugeben, allenfalls im Februar und März.Die Antarktis läßt grüßen! In diesem Nationalpark an der Great Oyster Bay mit seinen Seeadlern, Seehund- und Pinguin-Kolonien kann man Tasmaniens berühmtesten Hund kennenlernen."Sam" ist eine Mischung aus schwarzem Labrador und Collie und wurde zum Fernsehstar, weil er auf den Bootsausflügen mit seinem Herrn, dem Skipper Mike Dicker, begeistert ins Wasser springt, um mit Delphinen zu spielen.Auch wenn ein 18 Meter langer Wal sich nähert, schwimmt Sam begeistert auf ihn zu.Tauchen mal keine Wale und Delphine auf, jagt Sam auf einem Felseiland für die Ausflugsgäste wenigstens ein paar Robben aus einer Grotte oder holt den weggewehten Hut eines Touristen aus dem Meer zurück. Naturlich gibt es nicht nur grandiose Natur auf Tasmanien, das zu rund einem Fünftel als UNESCO-Kulturerbe der Menschheit geschützt ist.Die 470 000 Einwohner gehen auch mit ihrer relativ kurzen Geschichte sehr liebevoll um.Mögen die "Aussies" vom Mainland auch herablassend anmerken, auf Tasmanien passiere immer alles mit 30 Jahren Verspätung, können diese immerhin darauf verweisen, daß ihre Insel 1644 vom Niederländer Abel Tasman entdeckt wurde, als der australische Kontinent noch unbekannt war.Das älteste Hotel Australiens, die älteste Steinbrücke, das älteste Theater und sogar die älteste Brauerei reibt man denen vom Kontinent gern unter die Nase.Und die "längere" Historie führt man sehr plastisch vor, wie zum Beispiel in Bush Mill bei Port Arthur, wo man ein altes Holzfällerdorf nachbaute, in Richmond, einem Kolonialdorf, das wie ein altes Stück Europa wirkt, oder in Sheffield, dessen Fassaden Wandmalereien mit Motiven aus Tasmaniens Pionierzeit zieren. Auch die Hauptstadt Hobart mit ihren 193 000 Einwohnern, die unter dem Mount Wellington wie an einem norwegischen Fjord liegt, hat sich viel alten Charme bewahrt.Am Victoria Dock, wo die "Crayfisher" anlegen, und am Salamanca Place, wo die Lagerhäuser der einstigen Walfänger-Basis jetzt als Galerien, Kunstgewerbeläden und Restaurants dienen, mag man sich gar nicht so rasch vom Beinahe-Ende der Welt verabschieden.Wer jetzt den Teufel noch immer nicht leibhaftig gesehen hat, mag sich beruhigen.Er braucht vor dem Heimflug nur am Bonorong Wildlife Park vorbeizuschauen.Aber das ist natürlich schon verteufelt unsportlich.TIPS FÜR TASMANIEN Reisezeit: Zu empfehlen ist die Zeit von Oktober bis April.Der australische Sommer beginnt im Dezember.Das Wetter ist meist wechselhaft, Regenkleidung sollte deshalb stets mitgenommen werden. - Einreise: Das Visum gibt es im Reisebüro.Es wird elektronisch erteilt und dann beim Einchecken von der Fluggesellschaft überprüft, die den Reisenden nach Australien bringt.Das nicht mehr sichtbare Visum ist gratis, ein Jahr gültig und erlaubt einen Besuch von bis zu drei Monaten. - Währung: Der australische Dollar ist zur Zeit etwa 1,30 Mark wert.Mit US-Dollar und Kreditkarten kommt man überall durch. - Anreise: Flug bis Melbourne oder Sidney, von dort weiter mit Inlandsflügen von Qantas, Ansett oder Kendell nach Hobart, Devonport oder Launceston.Die Flugzeit bis Australien beträgt ungefähr 22 Stunden.Meist wird, zum Beispiel von Qantas, über Singapur oder Bangkok geflogen.Eine neue Variante bietet Emirates mit Stop-over in Dubai.Von Melbourne kommt man auch mit einer Autofähre in 14 Stunden nach Tasmanien. - Angebote: Australien-Reisen mit Abstecher nach Tasmanien haben diverse Veranstalter wie ADAC, DuMont Klingenstein oder Studiosus im Angebot.Spezielle Tasmanien-Rundreisen gibt es zum Beispiel bei Dertour, Ikarus oder CA Ferntouristik.15 Tage Busreise ab Hobart ab 3429 Mark, eine Woche Mietwagenrundreise ab Hobart bei zwei Personen pro Auto ab 898 Mark.Flüge nach Australien bekommt man ab zirka 2000 Mark. - Literatur: Ausführlich auf Tasmanien gehen die Australien-Reiseführer von DuMont, Baedeker oder Reise Know-how ein.Speziell über Tasmanien gibt es "Tasmanien - Australiens grünes Paradies" von Sally Farrell Odgers, Schenk-Verlag. - Auskunft: Australian Tourist Commission, Neue Mainzer Straße 22, 60311 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 274 00 60, Fax: 069 / 27 40 06 40. © 1997 Verlag DER TAGESSPIEGEL

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