Zeitung Heute : Bekenntnis zum Angebot

Albrecht Dümling

In festlichem Rahmen beging die Komische Oper gestern ihr 50jähriges Bestehen.Die Laudatio auf das Haus und den Gründer hielt Walter Jensvon Albrecht DümlingFestakte dienen der stolzen Bilanz, der Bestätigung.Auch dieser Akt war keine Ausnahme von der Regel, nicht einmal zu Unrecht.In ihrer 50jährigen Existenz - einer für Opernhäuser eher kurzen Periode - hat die Komische Oper durch ihre künstlerischen Leiter Walter Felsenstein und Harry Kupfer stilprägend gewirkt und ein wichtiges Kapitel der Musik- und Theatergeschichte geschrieben: das des realistischen Musiktheaters.Dennoch blieb der Grundton der Selbstbestätigung nicht die einzige Komponente des Vormittags.Er wurde ergänzt durch kritische Selbstbefragung, wie es gerade einem solchen Hause angemessen ist.Denn "Oper" als bloß affirmative Kulinarik war für Felsenstein nicht weniger ein Horror als für Brecht. Wenn die Veranstaltung auch mit Jubel aus Beethovens "Fidelio" begann und endete, so war dies doch dank Yakov Kreizberg ein sehr geschärfter, profilierter Jubel.Die Hörner hatten am Vormittag noch nicht zur Bestform gefunden.Um so klarer zeichneten die Streicher in der Ouvertüre ihre Linien, um so feuriger trieben sie in den Schluß hinein.Wird Beethoven so entfettet musiziert, ist die Gefahr des Kulinarismus gering.Auch die kurze Arie aus der noch ungespielten Oper "Farinelli" von Siegfried Matthus schlug in dieselbe Kerbe.Raimund Nolte in der Rolle des Georg Friedrich Händel klagte da mit baritonaler Wucht den leeren Koloraturenprunk als Verrat am Musiktheater an.Gesang sei vielmehr, wie dann Sänger und Oboe in barocker Schlichtheit zu verstehen gaben, der Ausdruck menschlicher Empfindung.Diese Kostprobe eignete sich gut für den Anlaß, wenngleich im Gesamtwerk die Gegensätze hoffentlich nicht immer so plakativ (atonal vs.tonal) ausfallen. Gesang als Ausdruck menschlicher Empfindung - Siegfried Matthus hat damit nicht die schlechteste Antwort auf die Frage gegeben, was das Spezifikum der Komischen Oper sei. Eine genauere Antwort jedenfalls als Intendant Albert Kost, der eher allgemein von der Suche nach Wahrheit und Wahrhaftigkeit sprach.Senator Radunski hielt es im Sinne seiner Leuchttürme-Theorie mit der "Volksoper mit Weltruf", wobei er immerhin als erster den Begriff "realistisches Musiktheater" zitierte.Viel Beifall erhielt seine Gegenüberstellung von Wirtschafts- und Kulturgesellschaft.In letzterer müsse das Angebot und nicht die Nachfrage im Vordergrund stehen.Damit distanzierte sich der Senator erfreulich offen von einer bloß nach Einschalt- und Auslastungsquoten schielenden Argumentation. In einem hatte sich Radunski aber offenbar geirrt: der Förderkreis "Freunde der Komischen Oper Berlin" ist, wie dessen Vorsitzender, der Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Rolf Breuer, richtigstellte, mit 2500 Mitgliedern nicht bloß in der Berliner Theaterlandschaft, sondern auch bundesweit der größte Förderkreis.Er unterstütze das Besondere, ohne den Staat aus seiner Verantwortung zu entlassen.Während Breuer die Aufgabe des Hauses eher einschränkend umschrieb ("Oper mit Herz, keine moralische Anstalt"), äußerte sich die Präsidentin des Bundesverfassungsgerichts, Jutta Limbach, als Schirmherrin des Förderkreises verbindlicher.Wenn man sie in Karlsruhe frage, ob sie noch einen Koffer in Berlin habe, verweise sie stets auf die Komische Oper.In freier Rede verglich sie die Interpretation von Kunstwerken mit der des Grundgesetzes - beides befinde sich in ständigem Wandel, schlage Brücken von Gestern zu Morgen. Aber erst Walter Jens, aus dessen Festvortrag wir Auszüge dokumentieren, wagte es dann, auch Schwieriges oder Tabuisiertes anzusprechen.Er erwähnte die helfende Rolle der sowjetischen Kulturoffiziere, die eben nicht nur Stalingrad, sondern auch Weimar kannten.Wenn er mit Hinweis auf den im Publikum anwesenden Wolfgang Wagner Felsensteins Konzept einerseits gegen Bayreuth, andererseits gegen Brecht abgrenzte und zugleich die tolerante Offenheit des Gründervaters pries, so war dies eine versteckte Warnung vor dogmatischer Verengung.Mit der Frage "Wäre er zufrieden heute?" blieb Felsensteins kritischer Maßstab im Raum.

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