Zeitung Heute : Bekenntnis zur Knetmasse

CHRISTINE WAHL

Daniel Call, JungdramatikerCHRISTINE WAHLDaniel Call hat soeben "ins Oil-of-Olaz-Alter hineingefeiert", bereits zwölf Theaterstücke verfaßt und erklärt zuallererst einmal den "Faust" zum "Poesiealbumstück" sowie Brecht - "seine Lyrik ausgenommen" - zum "reaktionärsten Knochen".Bliebe - "Romeo und Julia": "Einmal miteinander gefickt und dann der ultimative Suizid, statt eine normale Ehe zu führen." Botho Strauß immerhin gesteht der Dramatiker zu, "einer der älteren Fuzzis" zu sein, zu dem er "eine Seelenverwandtschaft" zu empfinden glaubt.Das Telefon klingelt.Call verhandelt mit einer "einflußreichen Produktionsfirma" über einen Spielfilm - und mir fällt inzwischen ein: "Puschkin, Dostojewskij, Tolstoj etc.etc.sind vom Schiffsbord der Jetztzeit hinabzuwerfen..." - Majakowski; 1912.Und daß ich kürzlich recht ernst über "Die Dämonen" debattierte.Und noch nicht im "Oil-of-Olaz-Alter" bin. Der Autor kehrt unterdessen in die Küche seiner Charlottenburger Wohnung zurück, schickt seinen Mitbewohner, den Regisseur Marcus Lachmann, mit dem Hund und nach Aspirin aus, deklamiert "Maria Stuart" - und erklärt "die Parkszene" zum besten, "was jemals für die Bühne geschrieben worden ist"! Call den Anspruch zu unterstellen, er wolle "irgend etwas fundamental Neues machen", wäre also wider Erwarten mißverständlich; die Dinge liegen einfacher.Erstens, sagt der Dreißigjährige, störe ihn "der angeschimmelte Pessimismus in diesem Land".Und zweitens sei seine Generation "die erste Generation der Fernsehkinder", die auch mit privaten Sendern aufgewachsen sei, ihre "Kleinbürgerhüllen abgelegt" habe und aus diesem Material ihre Themen schöpfe.Dem hätten die Theater Rechnung zu tragen; und der in regelmäßiger Wiederkehr beschworene "Generationswechsel" habe ja auch bereits stattgefunden - er selbst sei schließlich das beste Indiz dafür. Zumindest seine Präsenz auf deutschen Bühnen gibt dem Dramatiker recht.Gleich drei Daniel-Call-Stücke wurden in der vergangenen Spielzeit uraufgeführt: Das Düsseldorfer Schauspielhaus inszenierte "Der Teufel kommt aus Düsseldorf", erntete Verrisse und setzte die Produktion alsbald wieder ab; im Deutsche Schauspielhaus Hamburg folgten die "Gärten des Grauens"; und in Dortmund ist das Dreifrauenstück "Wetterleuchten" noch immer "ständig ausverkauft". Heute abend wird nun erstmals auch auf einer Berliner Bühne zu sehen sein, wie ein aus der Fernsehgeneration geborenes, nicht pessimistisch angeschimmeltes Drama ganz genau aussieht: Ricarda Beilharz vom "Theater Affekt" inszeniert im Studio des Renaissance-Theaters die "Gärten des Grauens".Die "Boulevardkomödie" karikiert einen Nachbarschaftsstreit, in dessen Verlauf Autos, Ehemänner und Kinder zugrundegehen und in dessen Finale die Überlebende Sonni der Überlebenden Frieda zuruft: "Willst du den totalen Krieg?", was Frieda bejaht und wobei sie ein Kind gebiert.In ähnlich debiler Weise reden auch die Mieter im Hause des - eben in Bonn uraufgeführten - "Herrn Dainat" (s.oben!) über die Historie und aneinander vorbei. Dies seien - gesteht Call ein - seine "frühen" und in der Tat ziemliche "Schablonen-Stücke".Allerdings müßten die Regisseure ihm ja nicht "auf den Leim gehen": "Ich gebe nur die Knetmasse - und ich bitte darum, daß man mich strafft!" Call war nach "diversen (universitären) Studien" selbst Regieassistent beziehungsweise Dramaturg in seiner Heimatstadt Aachen sowie in Göttingen und Parchim, straffte hernach als freier Regisseur eifrig Bernhard, Strindberg, Sophokles - und wäre folglich "ein Spasti", wenn er den Regie- nicht vom Autorenjob trennen könnte.Ein "Autist" ist Daniel Call übrigens auch nicht.Weshalb er, zusammen mit bislang vierzehn anderen Autoren, Regisseuren, Dramaturgen und Schauspielern, gerade eine Autoreninitiative gegründet hat, die offensiv deutsche Gegenwartsdramatik auf die Bühnen bringen, aber auch den Austausch über ganz essentielle Belange - sprich: faire Verträge - ermöglichen will. Und jetzt sind wir bei des Jungdramatikers nächsten Projekten, und wer sich dazu äußern will, muß auch unbedingt "straffen": Noch im Herbst inszeniert Call jedenfalls die Uraufführung von Theresia Walsers "Restpaar" in der Stuttgarter "Rampe"; im November wird in Dortmund seine jüngste "Karl Mayade" namens "Tumult auf Villa Shatterhand" uraufgeführt, über weitere (Ur-)Aufführungen verhandelt er mit Weimar und Wien, und im Kopf hat er ein Adenauer-Stück und einen Roman ...Und bei alledem geht der Autor dann normalerweise auch noch "alle zwei Tage ins Fitneßstudio".Aber heute abend erst einmal höchstwahrscheinlich nicht in seine Premiere.Sondern in die Volksbühne.Er "schwankt noch" zwischen sich und Marthalers Tschechow.Im Moment sieht es jedenfalls eher nach den "Drei Schwestern" als nach den "Gärten des Grauens" aus. Studio des Renaissance-Theaters, heute abend um 20 Uhr.

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