Zeitung Heute : Belgrad und die Balkan-Krankheit

CHRISTOPH V.MARSCHALL

Was spricht dafür, daß die Opposition in Serbien den Hoffnungen auf Demokratie gerecht wird? Das allgemeine Denken zumindest ist vom Totalitarismus infiziert VON CHRISTOPH V.MARSCHALL

Was wird da alles hineingedeutet in die bereits 16 Tage andauernden Demonstrationen in den Straßen von Belgrad! Die Wende zur Demokratie nun auch in Serbien und für Slobodan Milosevic gar ein Ende wie das des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu.In der Tat liegt ein Hauch von 1989 in der Luft.Das Regime hat abgewirtschaftet; der in Belgrad geplante Krieg um das jugoslawische Erbe hat Serbien keine vorzeigbaren Erfolge gebracht; die wirtschaftliche Misere spüren die Menschen tagtäglich.Und angesichts erster organisierterer Formen des Aufbegehrens unterlaufen dem Volkstribun, der zuvor ein untrügliches Gespür für die Stimmung im Volk zu haben schien, Fehler, die erst die wahre Protestlawine auslösen.Oppositionsbürgermeister in der Hauptstadt und einigen weiteren Zentren wären zunächst keine ernsthafte Bedrohung für Milosevics ausgeklügeltes Herrschaftssystem gewesen.Erst die plumpe Fälschung der Kommunalwahl und nun die Schließung eines populären Radiosenders treiben die Menschen auf die Straße. Doch die Erwartungen sind so groß, daß sie nur enttäuscht werden können.Massendemonstrationen in Belgrad lassen sich nicht auf Serbien hochrechnen.Das sehr heterogene Oppositionsbündnis ist nur in den Städten stark.Die landesweite Parlamentswahl vor wenigen Wochen hat Milosevic noch klar gewonnen und mußte dafür - abgesehen von dem seit Jahrzehnten bestehenden Medienmonopol - nicht einmal zu Manipulationen in größerem Maße Zuflucht nehmen.Und: Käme nur ein anderer Genosse an seine Stelle, was würde sich ändern? Was spricht dafür, daß die Opposition, wenn sie denn im Sog des plötzlichen Stimmungswandels die alte Kaderpartei in ganz Serbien besiegen könnte, den Hoffnungen auf Demokratie gerecht wird? Die Balkankrankheit besteht darin, daß das allgemeine Denken vom Totalitarismus infiziert ist.In Kroatien ist die Situation verblüffend ähnlich.Auch dort weigert sich Präsident Tudjman, den Wahlsieg des oppositionellen Bürgermeisters in der Hauptstadt Zagreb anzuerkennen, versucht kritische Radiosender mundtot zu machen, hat das Staatsfernsehen unter Kontrolle und toleriert nur wenige auflagenschwache Zeitungen als "Beweis" für das Ausland, daß Meinungsfreiheit herrsche.Der Weg zur Bürgergesellschaft ist lang. Europa und die USA aber sehen sich einmal mehr vor die schwierige Wahl zwischen Prinzipientreue und Realpolitik gestellt.Selbstverständlich muß größtmöglicher Druck ausgeübt werden, daß Wahlergebnisse anzuerkennen sind und man unliebsamen Medien nicht einfach einen Maulkorb verpassen darf.Wo Menschen-und Bürgerrechte mißachtet werden, kann es langfristig weder einen verläßlichen Frieden noch Stabilität geben.In der Region ist beides aber auch kurzfristig bedroht, wenn der Sturz der Diktatur gewaltsam verläuft.Der kalte Frieden in Bosnien war erst dank der Einbindung Milosevics möglich - damals hielt es der heutige "Vorzeigedemokrat" Djindjic mit den Massenmördern unter den bosnischen Serben.Noch bedrohlicher ist die Lage in der von Serbien unterdrückten Provinz Kosovo, die zu 90 Prozent von Albanern bewohnt ist.In anderthalb Jahrzehnten Ausnahmezustand, unter Bedingungen wie in einem Palästinenserlager, ist eine gewaltbereite "Intifada"-Generation herangewachsen; nähme sie den Machtkampf in Belgrad als günstigen Moment, um loszuschlagen, würde der Konflikt wohl rasch auf Albanien und Mazedonien übergreifen.Unter amerikanischem Druck schien Milosevic auf eine Kompromißlösung zuzusteuern.Wie die von Nationalisten dominierte Opposition, käme sie denn ans Ruder, mit dem Problem umginge, ist ungewiß.

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