Zeitung Heute : Benjamin-Franklin: Das Sparschwein rebelliert

Amory Burchard

Es ist nicht einfach, die Kontrollposten zu passieren. "Haben Sie schon unterschrieben?", fragen die Männer und Frauen in den weißen Kitteln. Sie stehen an Tischen, an denen jeder vorbei muss, der ins Klinikum Benjamin Franklin kommt. An Ein- und Ausgängen, in den Warteräumen der Ambulanzen, vor den Fahrstühlen, auf den Stationen. Eigentlich soll es in dem Steglitzer Universitäts-Krankenhaus mit 5000 Ärzten, Schwestern und anderem Personal sowie 1000 Patienten und 4000 Studenten um Krankenversorgung, Forschung und Lehre gehen. Seit vier Wochen jedoch hat es sich in eine Festung verwandelt, in einen Ort des Widerstands.

Bedroht ist das Klinikum der Freien Universität (FU) vom rot-roten Senat. Er will es dem hoch verschuldeten Berlin ersparen. Das Haus soll seinen universitären Status und damit den Anspruch auf 97 Millionen Euro Landeszuschuss verlieren, die es jährlich für Lehre und Forschung bekommt. Außerdem möchte die Koalition Sanierungskosten von 127,8 Millionen Euro für den 60er-Jahre-Bau auf einen privaten Investor abwälzen. Ein normales Krankenhaus also soll aus der hochspezialisierten Klinik werden. Das kann sich hier niemand vorstellen. "Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie nicht Ihren Arzt", warnt ein Schild im Foyer, "Rot/Rot übernimmt volle Verantwortung."

"Ich habe schon unterschrieben", sagt ein Mann am Ausgang Nord. "Aber das ist jetzt eine neue Liste", beharren die am Kontrollposten. Inzwischen gibt es nämlich auch eine private Initiative, die beim Stimmensammeln mithilft. Listen liegen überall aus, wo Klinikums-Mitarbeiter, Patienten und sonstige Sympathisanten vorbeikommen.

Eine der ersten Unterschriften stammt von Reinhild Bleeck. Die Krebspatientin hat sie noch "draußen" geleistet, bevor sie zur Chemo- und Strahlentherapie ihres Speiseröhrentumors ins Klinikum kam. "Ich will ja meine Behandlung hier in Ruhe abschließen können", sagt die schwer kranke Frau. 1997 kam sie als Patientin nach Steglitz. Damals wurde sie wegen eines bösartigen Tumors im Unterleib operiert und anschließend nachbestrahlt. Hochspezialisierte Ärzte aus fünf Fachrichtungen ringen seitdem am Klinikum Benjamin Franklin in enger Zusammenarbeit um die Gesundheit von Reinhild Bleeck. Ein normales städtisches Krankenhaus wäre dazu nicht in der Lage.

Wolfgang Hinkelbein, Direktor der Klinik für Radioonkologie und Strahlenheilkunde, ist seit einem Jahr ärztlicher Leiter des Klinikums. Sein Job gleicht im Moment aber kaum noch dem eines modernen Klinikmanagers. Er ist seit Mitte Dezember eher Verteidigungspolitiker. Hinkelbein kommt gerade aus einer Lagebesprechung, an seiner Seite Prodekan Manfred Gross. Der beklagt schon "erste Verluste": Auf Stellenausschreibungen bewerbe sich kaum noch jemand. Die beiden Mittfünfziger tragen keine weißen Kittel, sondern Zivil. Ihre Sprache ist kriegerisch. "Wir sind kampfbereit", sagt Hinkelbein, "und dieser Kampf wird erst zu Ende sein, wenn das vom Tisch ist."

Gross und Hinkelbein geben sich siegessicher. Der Beschluss, die Uniklinik in ein normales städtisches oder privates Versorgungskrankenhaus umzuwandeln, sei doch bloß ein "Schnellschuss einiger weniger Männer, die in den Parteien nur wenig Rückhalt haben". Tatsächlich ist mittlerweile aus SPD und PDS zu hören, dass "die Front der Abwicklungsbefürworter bröckelt". Da greifen selbst Pazifisten zu Kriegsmetaphern: Erst "Trümmer zu produzieren" und dann über Konzepte nachzudenken - das sei nicht gerade intelligent, sagt die gesundheitspolitische PDS-Sprecherin Ingeborg Simon.

Und die Kämpfer von Steglitz wissen ihre Argumente auch mit Zahlen zu untermauern. Ein Medizinprofessor an der FU bringe pro Jahr im Schnitt 317 000 Euro an so genannten Drittmitteln, an nicht-staatlichen Forschungsgeldern, auf, doppelt so viel wie im Bundesdurchschnitt. Die Veröffentlichung von Forschungsergebnissen wurde seit 1995 um mehr als ein Drittel gesteigert, die Professorenschaft ist heute erheblich jünger als noch vor ein paar Jahren. Für diese Zahlen aber haben sich im Dezember 2001 die Koalitionspolitiker nicht interessiert. Sie griffen auf ein negatives Gutachten des Wissenschaftsrats von 1997 zurück. Damals sah die Bilanz des West-Berliner Klinikums schlechter aus.

Nicht genug damit. Auch an den von der Koalition erwarteten Spareffekt glauben Hinkelbein und Gross nicht. Berlin verliere viel mehr, als es durch die Streichung des Landeszuschusses gewinnen könne. Mit dem Uniklinikum büße es einen seiner größten Arbeitgeber ein, setze Steueraufkommen, Sozialbeiträge und Kaufkraft von 5000 Mitarbeitern aufs Spiel. Wolfgang Hinkelbein bringt es wieder auf eine kriegerische Formel: "Akut ist also gar nichts einzusparen, es sei denn, man erschießt alle." Und die 127,8 Millionen Euro Sanierungskosten? Die kann man jetzt aber nicht wegreden? Doch, sagt Hinkelbein. Die Uniklinik könnte in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt werden, ihre Grundstücke vom Land übertragen bekommen und dann einen Kredit aufnehmen. Vielleicht keine populäre Maßnahme in Berlin, sagt Hinkelbein mit einem Lächeln.

Privatdozent Reinhold Kreutz müsste niemand die Pistole auf die Brust setzen, damit er seinen Posten aufgibt. Der 38-jährige Internist und klinische Pharmakologe erforscht mit seinem Team den Zusammenhang von Bluthochdruck und Folgekrankheiten wie Schlaganfall, Herzmuskelschwäche und Nierenversagen. Es geht darum, Defekte im Genmaterial hochdruckkranker Mäuse und Ratten aufzuspüren, die für diesen Zusammenhang verantwortlich sind. Die Ergebnisse sollen auf den Menschen übertragen werden. Auf zehn Jahre ist dieses Projekt angelegt, Kreutz brachte die Idee dazu vor vier Jahren aus Harvard an die FU. Wenn das Klinikum seinen Status als Universität verlöre, würde Kreutz seine Arbeit zusammenpacken, mitsamt den ganzen Drittmitteln und möglichst auch mit seinen Mitarbeitern und Studenten, und an eine andere Universität gehen. "Das ist mein intellektuelles Eigentum", sagt Kreutz. Berliner Politiker haben davon gesprochen, wichtige Forschungsprojekte aus Steglitz an die Charité verlagern zu wollen. Die wüssten offenbar nicht, dass Forscher Individuen seien, sagt Kreutz mit Verachtung in der Stimme. Geld für vier zusätzliche Arbeitsplätze und allein im vergangenen Jahr eineinhalb Millionen Mark Drittmittel hat er dem Klinikum beschafft. Und er produziert wissenschaftliche Ergebnisse, die eines Tages die Gentherapie der Volkskrankheit Bluthochdruck ermöglichen sollen. "Kann Berlin da nicht lieber eine Verwaltung dicht machen, die nichts produziert?", fragt Kreutz.

Herunterstufen, dichtmachen, abwickeln - diese Worte klingen auch grausam in den Ohren zweier Studenten, die im Labor der Klinischen Pharmakologie ihre Doktorarbeiten vorbereiten. Martin Mostler arbeitet im Hochdruckprojekt mit, Christian von Langsdorff an einer Studie zur Neumodellierung von Gefäßen nach operativen Eingriffen. "An einem sterbenden Haus" promoviert zu werden, sei nicht gerade ein guter Karrierestart, sagen beide. Und wenn die Abwicklung noch weitere Monate oder gar Jahre über dem Klinikum schwebe, werde allmählich alles schwinden, was sich das "Benjamin Franklin" in den letzten Jahren erarbeitet habe: Drittmittel, hervorragende junge Professoren und neue Lehrformen wie das "bedside-teaching". Komplizierte Fälle wie den von Reinhild Bleeck lernen die Studenten im direkten Gespräch mit den Patienten kennen. Auch Mostler und von Langsdorff, beide Mitte 20, stellen sich schon darauf ein, sich "vom Arbeitsmarkt Berlin zu verabschieden".

Isabella Heuser sitzt auf einem Außenposten des Klinikums in Charlottenburg. Die Professorin für Psychiatrie versteht nicht, "wie man mit dem Einzigen, was wir in Berlin an Ressourcen haben, mit unseren Köpfen, so umgehen kann". Und sie fragt: "Wie kann es sein, dass für die Milliarden, die in der Bankgesellschaft versiebt worden sind, die Bevölkerung leiden muss?" Und wie sind die Politiker bloß auf die Idee gekommen, dass Berlin auf eine von zwei Unikliniken verzichten könne? Wenn die mal ernsthaft krank seien, ließen sie sich doch ins Benjamin Franklin einweisen. "Auch in die Psychiatrie." Die Stimme der Professorin ist jetzt laut geworden, und ihre Arme sausen im Takt der Worte durch die Luft. Sie ist die einzige Inhaberin eines psychiatrischen Lehrstuhls im deutschsprachigen Raum und eine von vier C-4-Professorinnen an der Freien Universität. Erst im April 2001 hat sie ihren Ruf bekommen. Die 48-Jährige will sich das nicht wieder nehmen lassen.

Im Steglitzer Kinikum haben sie unterdessen die Listen von den Kontrollposten eingesammelt. Ein junger Arzt hebt die Hand zum Victory-Zeichen: "31 500 Unterschriften in vier Tagen." Einen Tag später waren es schon mehr als 40 000. Jetzt will das Klinikum eine Volksinitiative gegen seine Abwicklung starten. Dafür werden dann 90.000 Unterschriften gebraucht.

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