Zeitung Heute : Benjamins Freunde: Ein Autor trifft seine Generation

Benjamin Lebert

"Am Samstag war ich zum ersten Mal in Berlin auf einer Party," entgegnet Teresa freudig. Ihre Augen funkeln. Einen Herzschlag lang sagt sie nichts. Dann fügt sie hinzu: "Und jetzt ist alles verändert."

Wir sitzen im Wohnzimmer ihrer Familie am Tisch. Mommsenstraße, Charlottenburg. Teresa trägt eine dunkle Stoffhose und eine dünne, braune Jacke mit Reißverschluss und orangefarbenen Streifen. Sie sitzt mit hochgezogenen Knien auf dem Stuhl. Ihre Arme sind locker um die Schienbeine geschlungen. Ab und an spielt sie mit ihrem langen, dicken, blonden Haar. Wirft es zurück. Ihre Haut hat einen leichten Honigschimmer. Rechts unter dem Mund befindet sich ein Muttermal. Das Dominante in ihrem Gesicht ist die neugierige Stupsnase. Teresa, ihr 7-jähriger Bruder, der Hund und ihre Eltern sind erst seit August in Berlin.

Teresas erste Party. Sie fand bei Susanne statt. Einer neuen Schulkameradin. In Tiergarten, in einem Speicher. Es war eng und heiß. Es wurde gelacht, getanzt. "Und dann sind zwei Sachen passiert," sagt sie. "Julia, ein brünettes Mädchen, hat plötzlich keine Luft mehr gekriegt. Und ist umgefallen. Später kam heraus, sie hat wahnsinnig viel geraucht und Wodka getrunken. Sie wurde auf eine Couch gelegt. Sie musste sich übergeben. Sie sagte, sie würde sich bald besser fühlen. Das stimmte nicht. Schließlich wurde ihre Mutter geholt. Der Notarzt kam. Ich würde gerne wissen, wo sie jetzt ist, wie es ihr geht."

Und die zweite Sache? "Ich habe einen Jungen geküsst. Zum ersten Mal in meinem Leben. Das war bevor die Sache mit Julia passierte. Ich habe lange getanzt. Wild. Sehr wild. Danach setzte ich mich in eine Ecke. Mir war schwindelig. Und neben mir hockte dieser Junge. Dominik. Er hatte wuscheliges Haar und feine Augenbrauen. Ich habe ihn gefragt, ob ich mich bei ihm anlehnen darf. Wir haben nicht gesprochen. Später haben wir uns geküsst. Es hat sich kratzig angefühlt". Ich frage sie, ob er hübsch aussah und sie antwortet: "Ja. Aber die anderen Mädchen haben mich vor ihm gewarnt. Er würde nur auf das Sexuelle aus sein. Und kurz nachdem es Julia schlecht wurde, war er auch schon weg. Und hat nichts mehr zu mir gesagt. Ich bin gespannt, ob ich ihn wieder sehe".

Teresa wirkt insgesamt sehr freundlich und verspielt. Sie weiß um viele verdammt schwierige Dinge. Und trotzdem scheint einer der Hauptsätze in ihrem Leben zu lauten: das schaffe ich schon irgendwie. Seit dem 4. September geht sie in Berlin zur Schule. In die achte Klasse. Sie fährt mit dem Bus dorthin. Und braucht ungefähr zwanzig Minuten. Es ist eine französische Schule. Lycee francais. Sie lernt schon seit der Vorschule Französisch, weil es auch einmal geplant war, dass ihr Vater, der Hund und die Familie nach Paris ziehen. Teresa sagt, sie hätte hier schon Freunde gefunden. Und in München hätte sie mit ganz vielen Leuten schwere Probleme gehabt: "Überhaupt ist es schön hier," sagt sie. "Obwohl ich das kleinste Zimmer in unserer Wohnung habe. Es ist eigentlich gar kein Zimmer. Es ist eine Kammer. Und mein Bruder hat einen richtigen Spielplatz." Sie erzählt, dass sie Schauspielerin werden will. Dann redet sie wieder über die Party: "Das Nachdenken macht einen fertig. Als müsste man alles Geschehene wieder verändern. Gleichzeitig merke ich auch, dass gerade etwas anfängt. Das ganze Zeug mit den Jungs zum Beispiel. Ich wünsche mir es ja auch. Aber das wird bestimmt alles ziemlich schwierig."

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar