Zeitung Heute : Beraten und schützen als Profession

HELGA BALLAUF

Das Ausbildungskarussell bewegt sich: An der Kurbel drehen Kaufleute für VerkehrsserviceVON HELGA BALLAUF"Reisende können sich in Zukunft von Profis umsorgen lassen, die speziell für ihr Wohl ausgebildet wurden." So euphorisch kündigt das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) die künftigen "Kaufleute für Verkehrsservice" an.Rund 1500 Azubis begannen im vergangenen Herbst die neue Ausbildung.In enger Zusammenarbeit haben das BIBB, die Deutsche Bahn AG und die Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands einen Dienstleistungsberuf auf den Weg gebracht, der für private Busunternehmer und Reiseveranstalter ebenso attraktiv sein soll wie für Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs und für die Bahn selbst. Tatsächlich hatten sich im ersten Anlauf kommunale Verkehrsbetriebe zwischen Hamburg, Hannover und Halle bereit erklärt, rund 500 Azubis zu nehmen; etwa 800 junge Leute stiegen bei der Bahn und zirca 150 bei der Bahnschutz AG ein.Daß sich dieses Unternehmen, das für die Sicherheit von Reisenden und Eisenbahnanlagen sorgt, zur Ausbildung von Kaufleuten für Verkehrsservice entschlossen hat, hängt mit der Fachrichtung "Sicherheit und Service" des neuen Berufs zusammen.Wer im Laufe der dreijährigen Ausbildung diesen Schwerpunkt wählt, lernt nicht nur, "besondere Personengruppen" speziell zu betreuen - von VIPs bis zur Kindergartengruppe.Die Azubis haben auch für Ordnung und Sauberkeit auf den Bahnsteigen zu sorgen.Sie üben sich im sicheren Umgang mit gefährlichen Arbeitsstoffen, in Unfallverhütung und im sachgemäßen Transport von Gefahrgut. Die künftigen Experten müssen sowohl auf die Einhaltung aller Vorschriften achten, als auch Sicherheitslücken entdecken und Transportpläne entwickeln, die mögliche Gefährdungen von Personal und Kundschaft ausschließen.Die Bahnschutz AG hofft, daß ihre Beschäftigten so an öffentlichem Ansehen gewinnen und das "Schwarze-Sheriff-Image" verlieren. Ungewöhnlich breit ist das Aufgabenspektrum auch bei den Verkehrskaufleuten, die den Schwerpunkt "Verkauf und Service" wählen.Wer beispielsweise bei einer städtischen Verkehrsgesellschaft angestellt wird, kann am Fahrkartenschalter, in der Einsatzleitstelle, als Berater von in- und ausländischen Kunden oder als Ticket-Kontrolleur in den Fahrzeugen Dienst tun.Einkauf, Materialbeschaffung und die Automatenpflege gehören ebenso zum Alltagsgeschäft, wie die Bearbeitung von Beschwerden oder die Entwicklung von Werbemaßnahmen.Außerdem können Azubis, die im Laufe ihrer Lehre 21 Jahre alt werden, Straßenbahn- oder U-Bahnfahren lernen.Diese Qualifikation ist für die Arbeitgeber besonders interessant, weil die Kaufleute dann in Stoßzeiten als Fahrpersonal einspringen können. Ähnlich flexibel ist der Ausbildungsplan für junge Leute angelegt, die bei privaten Busunternehmern und Reiseveranstaltern anfingen.Je nach Lebensalter können sie während oder gleich nach der Ausbildung den Busführerschein machen und dann auf Fahrt geschickt werden.Wenn rund 1500 Azubis mit dem neuen Beruf begannen, bedeutet das nicht, daß das alles zusätzliche Lehrstellen sind.So hatten manche Verkehrsbetriebe und Reiseveranstalter bislang Bürokaufleute ausgebildet und orientierten sich dann um.Bei den Sicherheitsdiensten behalfen sich die Firmen in der Vergangenheit gar meist mit angelerntem Personal. Das Thema "öffentliche Sicherheit" gewinnt an Bedeutung.Arbeitsmarktexperten rechnen damit, daß sich für die Verkehrskaufleute, Fachrichtung "Sicherheit und Service" viele neue Einsatzfelder eröffnen.Die Gewerkschaften ÖTV und DAG sowie der Deutsche Industrie- und Handelstag (DIHT) verfolgen aufmerksam die ersten Erfahrungen mit den fundiert geschulten Security-Profis.Sie haben beim BIBB einen Fachbeirat einberufen, der die Qualifizierung des Personals im Bewachungsgewerbe regeln soll.Unstrittig ist, daß die Beschäftigten im privaten Objekt- und Personenschutz besser auf ihre sensible Aufgabe vorbereitet werden müssen.Derzeit beschränkt sich die Einweisung oft auf 40 bis 100 Stunden Unterricht.Druck entsteht auch durch eine EU-Studie, in der untersucht wurde, welche persönliche und berufliche Meßlatte in den Mitgliedsländern an Mitarbeiter im Wach- und Kontrolldienst angelegt wird.Deutschland ist hier keineswegs der Musterknabe. Zunächst will nun der Fachbeirat beim BIBB ein verbindliches und fundiertes Fortbildungskonzept entwickeln.Danach muß die Frage entschieden werden, ob die Arbeit in sicherheitsrelevanten Bereichen soviel Lebens- und Berufserfahrung voraussetzt, daß 16- bis 20jährige Schulabsolventen dafür ohnedies zu jung sind oder ob doch eine klassische Erstausbildung möglich ist.Vielleicht füllen ja die neuen Kaufleute für Sicherheit und Service genau die vorhandenen Lücken.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar