Zeitung Heute : Berge von Hoffnung

„Aufhören? Ich denke nicht dran …“ „Es ist nicht vorbei …“ „Ich bin die Beste …“ Hillary Clinton hat kaum noch Chancen gegen Barack Obama – und gibt trotzdem nicht auf. Denn sie sieht die Dinge ganz anders

Christoph von Marschall[Washington]

Sie hat sogar die Toten als Bundesgenossen aufgerufen. Das war am Dienstag, nach ihrem großartigen Sieg in West Virginia. Hillary Clinton stand in einem signalroten Kostüm auf der Bühne in Charleston, der Hauptstadt dieses Bergbaustaats, und kostete ihren Triumph aus. So fröhlich und entspannt hatte man sie lange nicht gesehen. Und dann erzählte sie, nun in ernstem Ton, von Florence Steen, einer 88-jährigen Frau in South Dakota, geboren kurz vor Einführung des Frauenwahlrechts in den USA. Die habe ihre Tochter noch auf dem Sterbebett gebeten, die Briefwahlunterlagen ins Hospiz zu bringen. Sie wollte ihre Stimme für die erste Präsidentschaftskandidatin mit realen Chancen abgeben. „Diese Kandidatin bin zufällig ich“, verriet Clinton unter brausendem Beifall.

Wer fragt, warum Hillary Clinton überhaupt noch im Rennen ist – an diesem Abend bekam er Antworten. Dicht gedrängt standen ihre Anhänger im Saal – überwiegend Frauen zwischen 45 und Mitte 70. Sie schwenkten blauen Tafeln mit den roten und weißen Aufschriften „Hillary 2008“ oder „Hillary – smart vote“ in die Kameras. Der große Raum badete in den Nationalfarben. Sprechchöre unterbrachen die Siegesrede immer wieder: „Hil-la-ry, Hil-la-ry!“ Und sie zeigte den Fans, was sie sehen wollten: Zuversicht und Siegeswillen.

Wieso gibt sie nicht auf? Die Frage wird seit Wochen immer lauter gestellt. Barack Obama führt doch uneinholbar im Kampf um die Nominierung. Seinen Vorsprung bei den Delegierten kann sie nicht wettmachen. Er hat mehr Staaten gewonnen und mehr Stimmen. Auch die Superdelegierten stellen sich nach und nach hinter ihn. Nach aktuellem Stand führt er mit 1907 zu 1718 Stimmen.

Voraussichtlich wird Barack Obama sich heute Abend nach den Vorwahlen in Kentucky und Oregon sogar zum Sieger ausrufen. Er wird dann zwar noch nicht die 2025 Delegierten zusammen haben, die für die Nominierung nötig sind. Aber er habe nun, so wird Obama argumentieren, die absolute Mehrheit der gewählten Delegierten. Die noch unentschiedenen Superdelegierten sollten nicht den Willen der Wähler konterkarieren, wird er sagen. Er darf zudem ziemlich sicher sein, dass sich in den Folgetagen genügend weitere Superdelegierte erklären und ihm über die 2025-Barriere helfen.

Hillary sieht das anders, erst recht nach ihrem Kantersieg in West Virginia. Mit 41 Prozentpunkten Vorsprung hat sie Obama geschlagen. „Es ist noch nicht vorbei!“, rief sie in die Halle – und in die Fernsehkameras. Dann folgten die drei Bekenntnisse, für die ihre Fans sie besonders lieben. Gleich mehrfach streute sie sie in ihre Rede ein, dass sie eine Kämpferin sei und nicht gut darin, aufzugeben – sie denke nicht dran. „Ich glaube, dass ich der beste Kandidat bin. Und der beste Präsident.“ Obama sei zu unerfahren und zu weich.

Mitarbeiter aus ihrem engsten Umfeld hatten die Zuversicht bereits verloren. Das war in privaten Gesprächen zu spüren. Doch Clinton selbst erlaube sich keinen Zweifel, erzählen ihre Leute in einer Mischung aus Bewunderung und Erstaunen. Obamas Führung ist für Clinton eine Art Betriebsunfall. Da ist etwas schief gelaufen.

Ihre Wahlkampfmanager haben auch Fehler gemacht. Sie haben sie mit dem Image der sicheren Favoritin starten lassen. Damals entstand der Eindruck, Hillary meine, das Land sei ihr die Präsidentschaft schuldig, wegen ihrer Verdienste und ihres schwierigen Weges an der Seite eines untreuen Ehemanns. Sie müsse die von ihm begonnenen Reformen vollenden, nur diesmal ohne seine Fehler.

Ein Irrtum war es auch, auf einen entscheidenden Sieg am 5. Februar zu setzen, am „Super Tuesday“, an dem es Vorwahlen in 24 Staaten auf einmal gab. Nachdem sie Obama an diesem Tag nicht aus dem Rennen geworfen hatte, war kein „Plan B“ da. Die folgenden zwölf Vorwahlen gewann allesamt Obama, der damit die kaum einholbare Führung errang. Aber so ein Betriebsunfall, denkt Hillarys Lager, darf doch nicht dazu führen, dass der Falsche ins Weiße Haus einzieht. „We need a Mama, not Obama“ stand auf Kampagnen-T-Shirts in West Virginia.

Natürlich muss Hillary Clinton darlegen, wie sie dieses Ding zahlenmäßig noch drehen will. Viel wichtiger ist ihr aber die emotionale Seite. „Manche rufen mir zu: Gib auf! Der Berg ist zu steil. Ihr hier in West Virginia wisst es besser: Auch holprige Wege führen auf die Spitze des Berges.“ Sie reckte das Kinn nach oben und nickte mehrfach, wie sie das gerne tut, um eine ihr besonders wichtige Aussage zu bekräftigen.

Ihr Bekenntnis zum Glauben war zugleich ein Wortspiel. „Faith can move mountains“: Glaube kann Berge versetzen. „And the faith of the Mountain State has moved me.“ Der „Bergstaat“, das ist der Spitzname von West Virginia. Der Glaube der Bürger an Hillary hat sie wieder an die Spitze versetzt. Abermals jubelte der Saal. Die Strapazen dieses Wahlkampfs, der ihr seit mehr als einem Jahr 16-Stunden-Tage abverlangt, sah man ihr in diesem Moment nicht an. Sie lächelte, es wirkte fast kokett.

Dann wandte sie sich an die Wähler jener Staaten, in denen Vorwahlen folgen: „Wir können gewinnen, wenn ihr es wollt. … Ich bitte jeden, der noch überlegt, zu bedenken, was auf dem Spiel steht.“ Amerika führe zwei Kriege, im Irak und in Afghanistan. Die Wirtschaft sei in einer schweren Krise, das Ansehen des Landes tief gesunken.

Nun braucht Hillary Clinton möglichst viele Wähler in den verbleibenden fünf Vorwahlen in Kentucky und Oregon heute, in Puerto Rico am 1. Juni sowie in Montana und South Dakota am 3. Juni. Nach Delegierten kann sie Obama zwar selbst mit Erdrutschsiegen in allen fünf Vorwahlen nicht mehr einholen. Aber sie kann ihn noch beim „popular vote“ überflügeln, der Summe der Bürger, die in allen Vorwahlen zusammen für sie oder für ihn gestimmt haben. Das wäre symbolisch wichtig. Das Argument „er hat mehr Delegierte, aber hinter mir stehen mehr Wähler“ würde die Zweifel an Obamas Siegchancen bei der Hauptwahl im November verstärken. Diese Unsicherheit – kann ein schwarzer Kandidat am Ende wirklich gegen einen so angesehenen Gegner wie John McCain gewinnen? – ist ein Hauptgrund dafür, dass Hillary Clinton noch nicht ausgeschieden ist.

Nur sie könne die Kernwählerschaft der Demokraten mobilisieren – mit diesem Argument hatte sie schon Ende Februar, Anfang März ins Rennen zurückgefunden, als sie abgeschlagen zurücklag. Obama führe doch nur, weil er bei den Minderheiten populär sei: bei den Schwarzen, bei den Intellektuellen, bei den Reichen. Und weil er die Mechanismen der Vorwahlen geschickt ausgenutzt habe. Doch mit Obamas Wählern und mit den von ihm gewonnenen Staaten könnten die Demokraten die Republikaner nicht besiegen. Das kann nur Hillary – sagt Hillary. Weil sie in den großen Staaten wie Kalifornien, New York und Florida triumphiert und weil sie Obama in den strategisch wichtigen Staaten wie Ohio, Pennsylvania und West Virginia deklassiert habe. Die weiße Arbeiterschaft hat in großer Mehrheit für sie gestimmt.

Ihre andere, besonders treue Basis sind die Frauen ihrer Generation und bis zu einer Generation jünger. Sie gehen generell in größerer Zahl zur Wahl als die Männer – und erst recht als die jüngeren Bürger. 2008 sind diese Frauen besonders motiviert. Hillary führt den Kampf, der ihr eigenes Leben bestimmt: Gleichberechtigung am Arbeitsplatz und im Alltag, bei den Karrierechancen und bei der Bezahlung. Jetzt ist Clinton stellvertretend für sie alle auf dem Weg, die letzte Bastion zu erobern: den politischen Topjob des Landes. Der Zuspruch der Frauen, sagt Hillary, sei der Hauptgrund, warum sie weiter kämpfe.

In Zahlen übersetzt, hat Clintons Appell zwei Ziele. Sie will Obama mit Hilfe des „popular vote“ bei der Summe der Stimmen überholen. Dann kann sie der Parteiführung sagen, eigentlich sei sie die Kandidatin der Wähler. Und dann begingen die 800 Superdelegierten auch keinen Verrat mehr, wenn sie aus der Mehrheit für Obama, die sich aus den Vorwahlen ergibt, beim Parteitag eine Mehrheit für Hillary machten. Eben deshalb habe man die Superdelegierten doch geschaffen: Vertreter der Parteihierarchie mit Stimmrecht, die das Interesse der Partei im Auge haben – die also sie, Hillary, zur Kandidatin machen sollten, weil nur sie das Weiße Haus erobern könne.

Es gab eine kurze Passage in Clintons Siegesrede in West Virginia, da wurde es ganz still im Saal: Sie lobte Obama. Sie beschwor die Einheit der Partei, ohne die die Demokraten im Herbst nicht siegen können. Und viele dachten: Jetzt sagt auch sie, es ist vorbei. Wahrscheinlich wird sie irgendwann in der kommenden Zeit diese Rede halten müssen, in der sie Obama zum Sieg gratuliert und ihre Wählerinnen bittet, für ihn zu stimmen.

Doch nach den Umfragen wird Hillary heute Abend in Kentucky hoch gewinnen und, wenn sie sich treu bleibt, erst recht keinen Grund sehen, aufzugeben. Soll sich Obama doch zum Gewinner erklären. Na und? „Es ist noch nicht vorbei!“ Auf Florence Steen kann Clinton nicht mehr zählen. Die ist verschieden, und die Behörden in South Dakota haben entschieden, dass die Briefwahlstimmen von Toten nicht zählen. Aber nun kann Hillary auf Kentucky zeigen: Zumindest in der Politik kann Glaube Berge versetzen.

Tagesspiegel - Debatten


Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben