Zeitung Heute : Berggottesdienste: Zum Beten auf den Gipfel

Heinz Brockert

Ein klappbarer Tisch als Altar, ein weißes Tuch als Altardecke, ein Standkreuz, eine Kerze - das ist die Mindestausstattung für einen Berggottesdienst. Mehr darf es nicht sein, denn alles, was in luftiger Höhe zum Lobe Gottes und zur Freude der Besucher eingesetzt werden soll, muss auf den Berg geschleppt werden. In den bayerischen Alpen werden schon jetzt viele Berggottesdienste gefeiert, auch wenn die Saison erst richtig am Johannistag (24. Juni) losgeht.

Die Mühen nimmt die wachsende Zahl von Menschen, die ein "religiöses Gipfeltreffen" besuchen wollen, gern auf sich. Seit Jahren steigt die Zahl der Berggottesdienste. Rund 300 veranstalten diesmal allein die evangelischen Kirchengemeinden in den Allgäuer und Oberbayerischen Alpen, hinzu kommen unzählige Messen der katholischen Pfarrgemeinden, die durch die Wallfahrts-Tradition eine noch längere Erfahrung mit Freiluft-Gottesdiensten haben. Häufig laden Protestanten und Katholiken auch gemeinsam ein, denn unter offenem Himmel kommt man sich leichter nah. Berggottesdienste sind auch deswegen so beliebt, weil jeder kommen und gehen kann, wie er mag. Die Kinder können sich austoben, während Vater und Mutter den Worten aus der Bergpredigt Jesu lauschen. Bergwanderer, die jahrelang nicht in einem Gottesdienst waren, lassen sich hineinziehen in Gesang und Gebete in luftiger Höhe.

Die Berge gelten seit jeher und in allen Religionen als besondere Begegnungsorte mit Gott, weiß der Tourismus-Referent der bayerischen Landeskirche, Kirchenrat Mathis Steinbauer. "Da können sich Dimensionen auftun, die sonst verschlossen sind." Zugenommen hätten die Wünsche nach Trauungen und Taufen bei Berggottesdiensten.

Die Besitzer von Bergbahnen, Wirtshäusern und Almhütten unterstützen nach Kräften das fröhliche Treiben der Christen mit Sonderangeboten. Tische und Stühle werden gern ausgeliehen. Den Wirtsleuten ist natürlich klar: Wer unter freiem Himmel ordentlich betet, singt und jubiliert, der hat hinterher auch Durst und einen kräftigen Appetit.

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