Zeitung Heute : Berlin an der See entdecken

Wie ein Berliner, West, die Stadt erleben kann

Lars von Törne

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Kai-Uwe Heinrich

Berlin hinter sich zu lassen ist nicht einfach. Da fahre ich für ein paar Tage an die See, um mal aus der Stadt rauszukommen, und was begegnet mir an der Küste auf Schritt und Tritt? Berliner. Die Nachbarn in der Pension sind welche, abends in der Fischerkneipe ist man von ihnen umzingelt, und beim Kiosk hinterm Deich kaufen sie einem den letzten Tagesspiegel vor der Nase weg. Aber vielleicht wollte ich ja auch gar nicht ganz weg aus der Stadt. Wieso hätte ich mir sonst als Urlaubslektüre zwei Bücher mitgenommen, die in Berlin spielen?

Eines heißt „Berlin. Steinerne Stadt“ und ist ein schwarz-weißes Comic-Epos, an dem der amerikanische Autor und Zeichner Jason Lutes seit Jahren arbeitet. Jetzt wurde endlich der erste Band auf Deutsch veröffentlicht. Lutes’ Erzählung spielt Ende der 1920er Jahre. Mit sachlichem, fast fotografischem Strich schildert er den Alltag einer Hand voll Protagonisten in den Jahren vor der Machtergreifung. Was für eine schillernde Stadt Berlin damals gewesen sein muss. Menschen hasten durch den Anhalter Bahnhof, der im Sonnenlicht wie New Yorks Central Station aussieht. Am Potsdamer Platz rauscht der Verkehr zwischen den imposanten Großbauten hindurch, gebremst nur von einem einsamen Polizisten, der in der neumodischen Ampelanlage die Autos per Knopfdruck dirigiert. Und am Bülowplatz sammeln sich die KPD-Anhänger zur Maidemonstration, während in den Literatencafés um die Ecke Studenten und Künstler über Kunst und Politik diskutieren. Lutes’ Stadtansichten sind kleine grafische Meisterwerke. Besonders in jenen Sequenzen, in denen er die Stimmung der Stadt aufnimmt, die man auch heute noch so ähnlich wie damals erleben kann: Wenn in den grauen Hinterhöfen der erste Schnee fällt, wenn Flaneure in den Parks die Frühlingssonne genießen oder wenn in den Mietskasernen die Öfen angefeuert werden, dann schildert Lutes das in Bildern von zeitloser Großstadt-Poesie.

Nicht ganz so poetisch, aber ähnlich kunstvoll ist die zweite in Berlin angesiedelte Geschichte, die kürzlich erschienen ist. In „Scherbenmund“ entwerfen der Autor Tobias O. Meissner und der Zeichner Reinhard Kleist ein Endzeit-Szenario, das ziemlich durchgedreht ist, aber eine gute Grundlage für farbenprächtige, dramatische Bilder liefert: Im blutroten Rathaus haben die Vampire die Macht übernommen. Sie vergnügen sich im „Berlinoir Ensemble“ bei grausigen Spektakeln. Und in den Kellern der Mietskasernen sammelt sich die Widerstandsbewegung, die den Befreiungskampf gegen die spitzzähnigen Unterdrücker vorbereitet. Kleist, der zu Recht als einer der besten deutschen Comiczeichner gilt, hat ein düsteres, alptraumhaftes und doch faszinierendes Phantasie-Berlin geschaffen, das er „Berlinoir“ nennt. Neben reale Gebäude wie das Rote Rathaus, das Hotel am Alex oder den Wasserturm in Prenzlauer Berg hat er futuristische Hochhäuser und dunkle Gemäuer gestellt, die die perfekte Kulisse für den blutigen Showdown abgeben. Da kann Hiddensee natürlich nicht mithalten.

Jason Lutes: „Berlin. Steinerne Stadt“, 212 S. (s/w), 14 Euro, Carlsen Verlag (ISBN 3-551-76674-6). Tobias O. Meissner/Reinhard Kleist: „Scherbenmund“, 48 S., 12,50 Euro, Edition 52 (ISBN: 3-935229-23-2)

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