Berlin-Blockade : Es galt: Hauptsache hamstern

Salz, Kartoffeln, Nachttöpfe, Fahrräder: Bis 1994 ließ der Senat alles einlagern, was den Einwohnern das Überleben sichern könnte.

Ulrich Zawatka-Gerlach
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Schatten der Geschichte. Zur Sammlung des Alliiertenmuseums gehört ein Rosinenbomber, und der ist einfach nur noch eine der...Foto: Thilo Rückeis

BerlinAm 11. August 1994 wurde die letzte Kohle aus einer Kiesgrube am Kladower Damm zum Spandauer Südhafen gefahren und verschifft. Den allerletzten Lastwagen schmückten die Arbeiter mit einer grünen Schleife. Das war das Ende der Berliner Senatsreserve, die 1950 nach der Berliner Blockade auf Betreiben der Westalliierten eingerichtet wurde, um den Westen der Stadt im Krisenfall auch ohne Luftbrücke am Leben zu erhalten.

Der Senat richtete Lager ein: Für Fleisch, Salz, Bratfett, Getreide oder Gemüse, aber auch für Nachttöpfe und Toilettenpapier, Zigaretten oder Glühbirnen. Die Liste der Bestände war 16 Seiten lang. Damit wäre bei einer neuen Blockade ein halbwegs normales Leben der Insulaner für 180 Tage gesichert gewesen. Der Ernstfall trat nie ein. Trotzdem war die Senatsreserve bis zum Mauerfall ein Renner. Von der Wilmersdorfer Witwe bis zum schwäbelnden Kreuzberger Studenten versorgten sich preisbewusste Berliner mit den Lebensmitteln aus 780 Lagerstätten, deren Bestände regelmäßig erneuert wurden. Die alten Konserven wurden verkauft, bevor das Haltbarkeitsdatum abgelaufen war. Und die Berliner erfanden tolle Rezepte, für die man Rindfleisch und grüne Bohnen aus den Senatsbüchsen brauchte. Zum Beispiel „Moppelkotze“, ein spottbilliges Eintopfgericht, denn eine Dose Rindflerisch kostete nur 44 Cent.

Als in der Nacht zum 24. Juni 1948 in West-Berlin die Lichter ausgingen, weil das Großkraftwerk Zschornewitz abgeschaltet wurde, war gar nichts eingebunkert. Woher denn auch? Nach Kriegsende lag die kommunale Wirtschaft völlig am Boden, Berlin war ein Trümmerhaufen und musste Rohstoffe, Lebensmittel und andere Produkte des täglichen Bedarfs für 2,2 Millionen Einwohner und 8000 alliierte Soldaten fast vollständig von außen beziehen. Und dann die Blockade!

Ohne die Luftbrücke, die schon am 25. Juni 1948 auf Befehl des US-Generals Clay eingerichtet wurde, hätte die Stadt keine Chance gehabt. Trotz des Überlebenswillens und des Improvisationstalents, dass den Berlinern nachgesagt wird. Die nackten Zahlen sprechen Bände: Bis zum Ende der Blockade am 12. Mai 1949 wurden mit 277 569 Flügen der amerikanischen und britischen Luftwaffe mehr als 2,3 Millionen Tonnen Fracht nach West-Berlin gebracht. Davon 1,44 Millionen Tonnen Kohle, 490 000 Tonnen Nahrungsmittel und 160 000 Tonnen Baustoffe, um die Flughäfen Tempelhof und Gatow auszubauen und das Kraftwerk Reuter zu errichten.

Kurioserweise wurden mit Hilfe der Luftbrücke gelegentlich auch Produkte exportiert, versehen mit dem Label: „Hergestellt im blockierten Berlin“. Am Ende feierte der Westen einen großen Erfolg über die stalinistische Sowjetunion. Die Luftbrücke war eine politische und logistische Meisterleistung, die aber viele Menschenleben kostete und immense Kosten verursachte. Eine kaum wiederholbare Aktion. Und deshalb wiesen die drei Stadtkommandanten West-Berlins den Senat 1950 an, für den schlimmsten Fall ausreichend Vorräte anzulegen.

Mit Gerhard Lenz, der nach der Rückkehr aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft ab Februar 1946 beim Haupternährungsamt des Berliner Magistrats arbeitete, fand sich auch schnell ein Spezialist, der die gigantische Hamsteraktion bis zum Ende organisierte. Zuallererst wurden 20 000 Tonnen Speisesalz gehortet, es folgten Getreide, Zucker, Milchpulver, Trockenkartoffeln und Hülsenfrüchte. Seit 1953 lagerte der Senat fast alles ein, was man im Leben so braucht. Sogar 5000 Fahrräder, damit wenigstens hohe Beamte im Krisenfall mobil blieben. Die Bundesdruckerei stellte für eine neue Blockade schon mal Lebensmittelmarken und Bezugsausweise her.

Die strategisch wichtigsten Lager wurden, soweit dies in Berlin möglich war, strikt geheim gehalten. Etwa die Insel Eiswerder, der Fichtebunker in Kreuzberg, die Speerplatte in Charlottenburg-Nord oder eben ein brachliegendes Grundstück in Kladow für die Kohle. Vier Millionen Tonnen Güter im Wert von einer Milliarde Euro wurden eingelagert. Der verderbliche Teil wurde auf Kosten des Bundes regelmäßig erneuert. Nach 1990 wurden die Lager aufgelöst und ein großer Teil der Güter verschenkt. Auf Voschlag des Senats und mit Unterstützung des damaligen Kanzlers Helmut Kohl an bedürftige Menschen in der sich auflösenden Sowjetunion.

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